Frank Beckmann steht seit 2008 als Programmdirektor Fernsehen des NDR für journalistische Verantwortung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Im schriftlichen Interview für mitmenschenreden spricht er über Perspektivenvielfalt, Vertrauen, interne Kontrolle und den Anspruch, gesellschaftliche Wirklichkeit differenziert abzubilden – jenseits einfacher Zuschreibungen.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Der NDR ist Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) und sieht sich dem Anspruch auf Unabhängigkeit und Ausgewogenheit verpflichtet. Zugleich nehmen Teile der Bevölkerung eine politische Schlagseite oder Tendenz zu meinungsbetontem Journalismus wahr. Wie ernst nimmt der NDR diese Wahrnehmung, wo doch zumeist Gegenargumente ins Feld geführt werden – was wenig auf Verstehen oder Einsicht schließen lässt? Kategorisiert man die genannte Kritik als eine Kritik von weitgehend Rechtsaußen und sieht sich in der Pflicht, daher dagegen zu halten?

Frank Beckmann

Wir nehmen jede Wahrnehmung über unsere Berichterstattung sehr ernst – ganz unabhängig davon, woher sie kommt. Wenn Menschen den Eindruck haben, dass unsere Berichterstattung nicht ausgewogen ist, dann beschäftigt uns das. Sehr sogar. Denn unser Anspruch ist, dass sich möglichst viele Menschen mit ihren unterschiedlichen Perspektiven und Lebensweisen in unserem Programm wiederfinden – auch die, die kritisch auf uns schauen. Kritik bekommen wir aus unterschiedlichen Richtungen. Natürlich gibt es Kritik, die klar politisch motiviert ist oder aus extremen Milieus kommt. Aber es wäre zu einfach, das pauschal so einzuordnen. Wir wissen, dass viele Menschen, die sich kritisch äußern, schlicht ein Bedürfnis nach nachvollziehbarem, fairem, unaufgeregtem Journalismus haben, der möglichst viele Perspektiven, Sichtweisen und Lebenswelten abbildet. Und das ist legitim. Wir fragen uns aber auch, warum bestimmte Eindrücke entstehen – vor allem, wenn wir überzeugt davon sind, sauber gearbeitet zu haben. Der NDR bildet seit Jahrzehnten unterschiedliche politische, gesellschaftliche und kulturelle Perspektiven ab – und zwar auch kontroverse. Wir haben jedoch erkannt, dass diese Vielfalt vielleicht nicht immer für alle sichtbar genug war. Das wollen wir ändern und unterschiedliche Sichtweisen noch deutlicher abbilden. Für uns geht es dabei nicht nur um politische Positionen. Perspektivenvielfalt heißt für uns: jung und alt, Stadt und Land, Akademikerhaushalt und Arbeiterfamilie, Menschen mit und ohne Migrationserfahrung, religiös oder säkular, digital vernetzt oder eher analog und so weiter – all diese Lebenswelten sollen sich im Programm wiederfinden. Diese Vielfalt existiert im Norden, und sie existiert im NDR. Wir wollen sie künftig nur noch sichtbarer machen. Wir sind auch überzeugt: Perspektivenvielfalt entsteht nicht allein durch redaktionelle Entscheidungen, sondern auch im direkten Austausch mit den Menschen, für die wir arbeiten. Deshalb wollen wir noch stärker zuhören, ins Gespräch kommen und besser verstehen, welche Erfahrungen, Erwartungen und Fragen die Menschen in Norddeutschland bewegen. Darum werden wir regional noch mehr unterwegs sein.

Ralf M. Ruthardt

Gibt es innerhalb des NDR systematische Verfahren, die regelmäßig überprüfen, ob die Berichterstattung inhaltlich und thematisch wirklich pluralistisch bleibt – also über politische und gesellschaftliche Milieugrenzen hinweg ausbalanciert ist? Gibt es Ideen, dies durch externe Gremien validieren zu lassen, welche nicht durch das NDR-Management beauftragt werden, sondern beispielsweise durch den Rundfunkrat?

Frank Beckmann

Es gibt viele Formen der Qualitätssicherung im NDR – tägliche Redaktionskonferenzen, Auswertungen, interne Debatten. Das gehört zu unserem journalistischen Alltag, uns immer wieder selbst zu überprüfen und zu hinterfragen. Außerdem gibt es Qualitätsanalysen innerhalb der ARD, es gibt regelmäßige Umfragen zur Zuschauerakzeptanz und zum Vertrauen in unsere Programme. So schätzen nach einer repräsentativen Umfrage von Infratest dimap 67 Prozent der Befragten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als unverzichtbar ein und nach einer Reuters-Studie vertrauen beispielsweise 65 Prozent der dort Befragten den Informationsangeboten der „tagesschau“. Das sind wichtige Hinweise für uns. Eine ganz zentrale Rolle spielt der NDR-Rundfunkrat. Dort sitzen Vertreterinnen und Vertreter vieler gesellschaftlicher Gruppen – Kirchen, Gewerkschaften, Umweltverbände, Migrantenorganisationen, Wirtschaftsverbände. Ihre im NDR-Staatsvertrag festgelegte Aufgabe ist es, unsere Angebote genau in den Blick zu nehmen und auf die vertraglich festgelegten Programmgrundsätze hin zu überprüfen. Die Gremienmitglieder achten auch darauf, dass die Vielfalt im Programm gewahrt bleibt. Aber wir wissen auch, dass es in der Öffentlichkeit vermehrt den Wunsch gibt, die Vielfalt im Programm auch nachzuweisen. Das jüngste Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zur Sichtbarkeit von Ausgewogenheit im Programm hat diese Erwartung zusätzlich gestärkt – auch wenn das Gericht betont, dass Ausgewogenheit nicht in jeder einzelnen Sendung hergestellt werden muss, sondern über das Gesamtprogramm und viele Ausspielwege hinweg. Trotzdem nehmen wir diese Aufgabe sehr ernst. Denn Vertrauen entsteht dort, wo Vielfalt auch erkennbar wird. Deshalb arbeiten wir innerhalb der ARD – und in enger Abstimmung mit den Rundfunkräten – daran, wie wir Ausgewogenheit künftig besser erfassen und transparent machen können. Damit nachvollziehbar wird, wie breit unser Journalismus tatsächlich aufgestellt ist.

Ralf M. Ruthardt

Es gibt gesellschaftspolitische und nachrichtliche Sendeformate, welche eine hohe Reichweite haben. Werden dort Redaktionen und Moderation regelmäßig personell neu besetzt, um den in der Natur der Sache liegenden personifizierten Einfluss Einzelner zeitlich zu begrenzen? Schlussendlich haben Redaktion und Moderation oftmals mehr öffentlichen Einfluss als so manche gewählte Mandatstragende.

Frank Beckmann

Wir setzen sehr bewusst auch auf personelle Rotation, auf Entwicklung und auf neue Stimmen. Es gibt Formate, in denen das regelmäßige Wechseln der Moderation, der Presenter oder sichtbaren Reporterinnen und Reporter zur DNA gehört, weil unterschiedliche Blickwinkel das Programm bereichern. Beispiele im NDR sind das junge Investigativ-Magazin „STRG_F“, unser Medienmagazin „ZAPP“, aber auch in der „NDR Talk Show“ gibt es immer wieder mal ein neues Gesicht im Moderationsteam. Unterschiedliche Blickwinkel bereichern unsere Programme, davon bin ich fest überzeugt. Darum war ich ehrlich gesagt auch sehr überrascht, dass unsere Entscheidung, beim Magazin „KLAR“ eine weitere Moderatorin im Wechsel mit Julia Ruhs dazuzuholen, für so viel – aus meiner Sicht unnötige – Aufregung gesorgt hat. Wir bieten jetzt mehr Perspektiven, nicht weniger. Gleichzeitig wissen wir, dass Gesichter und Stimmen, die regelmäßig im Programm erscheinen, für viele Menschen sehr wichtig sind. Sie schaffen Vertrauen und Verbundenheit. Auch das gehört zur Medienrealität. Wichtig ist aber: Auch starke Persönlichkeiten im Programm arbeiten in einem redaktionellen System. Entscheidungen über Themen, Gewichtung und Tonalität werden nie allein von einer Person getroffen, sondern im Team. Und diese Teams sind im NDR auch vielfältig zusammengesetzt – fachlich, altersmäßig, perspektivisch. Aber man kann immer noch besser werden – wir gucken auch bei der Zusammensetzung unserer Teams künftig noch stärker darauf, dass sie die Gesellschaft, über und für die wir berichten, auch repräsentieren.

Ralf M. Ruthardt

Das Interview wurde schriftlich geführt. – Vielleicht ist es für Sie als Leserinnen und Leser ein Perspektivenwechsel. Bleiben Sie selbstbestimmt im Nachdenken und konstruktiv im Dialog.

Zur Person

ist Journalist und seit 2008 Programmdirektor Fernsehen des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Beckmann studierte Journalistik und arbeitete unter anderem für ZDF und WDR.

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