Man liest bei uns eine Rezension von Christian Langer. Er beschäftigte sich mit „Die Ära Milei“ – einem Buch von Prof. Dr. Philipp Bagus, das auch in Deutschland für große Aufmerksamkeit gesorgt hat. Es werden darin die Ideen des argentinischen Präsidenten, seine Argumente und dessen politischer Weg einem breiten Publikum erläutert. Hier ein Interview mit Prof. Dr. Philipp Bagus.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Danke, lieber Prof. Dr. Philipp Bagus, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen. Sie lehren an einer Universität in Madrid Volkswirtschaftslehre, sind Mitglied der HAYEK-Gesellschaft in Berlin und Ihr Buch „Die Ära Milei“ steht zwischenzeitlich in so manchem Regal – gelesen hoffentlich. (lacht) Christian Langer spricht in seiner Rezension von einer erfrischenden und sehr empfehlenswerten Lektüre. Das mag ein Appetitmacher für diejenigen sein, die es bisher noch nicht gelesen haben. Nun, der Blick nach Argentinien kann uns so manchen Impuls für das eigene politische Handeln hier in Deutschland geben. Ein Impuls könnte sein, dass in Deutschland nach Unendlich tendierende Vertrauen bzw. die unangemessenen Erwartungen in die staatliche Institution zu hinterfragen.

Philipp Bagus

Die Menschen in Deutschland können sich mehrheitlich einfach nichts anderes vorstellen. Sie sind so gewöhnt an den Staat. Der Staat ist wie eine Droge – und wenn man einmal auf dieser Droge ist, dann ist es unheimlich schwierig, von dieser Droge wegzukommen. Beispiele gibt es viele: Nehmen wir die öffentlichen Straßen. Die Leute können sich nicht vorstellen, dass Straßen privat hergestellt werden, besser, effizienter und gerechter. Auch das Gesundheitswesen ist fest in staatlicher Hand, wie auch das Bildungswesen. Die Menschen können sich gar nicht mehr vorstellen, dass es auch ohne Staat gehen würde.

Ralf M. Ruthardt

Ich habe eine Hypothese: Vielleicht ist es ein Stück weit das Ergebnis eines gewissen Wohlstands. Man lehnt sich als Bürgerin oder Bürger nach getaner Arbeit zurück und delegiert möglichst viele Aufgaben an die öffentliche Hand. Der Staat soll sich kümmern und wenn es nicht funktioniert, dann war man wenigstens nicht schuld. Es war – so meine ich – nicht immer so. Ich erinnere mich an meine Kindheit. Wenn im Sommer Gewitterwolken aufgezogen sind, dann sind wir Kids losgeflitzt und haben die Heugabeln geholt. Es galt, dem Nebenerwerbslandwirt in der Nachbarschaft sein Heu zu Schochen aufzustapeln, bevor es nass wird. Mit Heuschochen sind die auf der Wiese zum Trocknen aufgeschichteten Heuhaufen gemeint. Was ich meine, ist, dass damals keiner sagen musste, was notwendigerweise zu tun ist. Es war eh klar und man hat Erkenntnis in Handlung umgesetzt. Die Eigen- und die Mitverantwortung scheint in unserer Zeit vielen Menschen unbequem geworden zu sein.

Philipp Bagus

Ja, ich nenne das Staatskultur. Die Kultur ist maßgeblich durch den Staat und seine Eingriffe in das Leben der Menschen geprägt worden. Die Leute wurden abhängig gemacht vom Staat …

Ralf M. Ruthardt

… und haben sich abhängig machen lassen.

Philipp Bagus

Sie müssen die Steuern bezahlen und bekommt man dann wieder etwas zurück. Von Bismarck wird gesagt, er hätte die staatliche Rente eingeführt, damit die Deutschen loyal zum Deutschen Reich stehen. Er hat durch die staatlichen Sozialversicherungen die Arbeiter vom Staat abhängig gemacht. Er hat ihnen ihre Unabhängigkeit genommen. Klar, die Arbeiter wollen natürlich, dass der Staat erhalten bleibt, wenn ihre Rente von ihm abhängt. Das ist bis heute so. Die Leute sind völlig abhängig geworden vom Staat. Und unser aktueller Sozialstaat in Deutschland ist ja noch viel größer als zu Bismarcks Zeiten. Man hat sprichwörtlich von der Wiege bis zum Tod mit dem Staat zu tun. Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass mit dem Ausbau der Zuständigkeiten des Staats gleichzeitig die sozialen, horizontalen Verbindungen zurückgegangen sind. Dazu gehören die Familie, die Nachbarschaft – wie Sie das angesprochen haben. Damit nimmt sich der Einzelne mit der Übernahme von Verantwortung ganz selbstverständlich zurück. Infolgedessen sind die Menschen immer egoistischer geworden und haben ihre soziale Mitwirkung reduziert.

Ralf M. Ruthardt

Will man nach einer Therapie sucht, bedarf es zunächst einer Diagnose. Und eine Diagnose beinhaltet in der Regel, dass man nach einer Ursache sucht. Ist die Ursache jetzt eher darin zu sehen, dass Menschen, die in Regierungsverantwortung sind oder in Parlamenten sitzen, in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten den Staat präsenter gemacht haben? Wollte man willentlich eine Abhängigkeit erzeugen, wie Sie es am Beispiel Otto von Bismarcks gezeigt haben? Oder hatte es damit zu tun, dass Leute in Amt und Würde ja irgendwie auch eine Aufgabe brauchen und so das eine zum anderen kommt? Oder liegt es gar an der tendenziellen Bequemlichkeit, die wir einzelnen Bürgerinnen oder Bürger haben?

Philipp Bagus

Ja, Sie haben natürlich auch recht, wenn Sie auf den Wohlstand hinweisen. Wenn es den Leuten gut geht, dass sie dann nicht so sehr auf die politische Entwicklung achten. Sie merkten die Kosten des Staates natürlich auch nicht, denn sie hatten ein bedeutendes Wirtschaftswachstum. Da waren Produktivitätsfortschritte durch technologische Fortschritte, wie das globale Internet oder neuerdings die Künstliche Intelligenz. Ohne dieses Produktivitätswachstum wären wir Bürger durch das enorme Anwachsen des Staates absolut betrachtet spürbar ärmer geworden. Der Staat hat einen großen Teil des potenziellen Zuwachses an Wohlstand abgesaugt. Es ist wenig oder nichts beim nettosteuerzahlenden Bürger angekommen; nur der Staat ist größer geworden. Wenn man einen gewissen Wohlstand hat und durch das Anwachsen der Staatsausgaben – zwar nicht ärmer wird, dann ist man jedoch weniger wohlhabend, als man hätte sein können. Daher gab es wenig Widerstand gegen das Wachstum des Staates, denn wir sehen ja nicht, wie viel reicher wir hätten sein können, ohne Staat. Wir können es nur erahnen.

Ralf M. Ruthardt

In den vergangenen Jahrzehnten hat der Produktivitätszuwachs dafür gesorgt, dass wir uns als Bürgerinnen und Bürger diesen Staat nicht willentlich geleistet haben, sondern es ist irgendwie so gekommen, weil wir einen aufgeblähten Staat durch die Zuwächse an Produktivität und schlussendlich an Steuereinnahmen leisten konnten. Und jetzt ignorieren wir notwendige Korrekturen und häufen Schuldenberge auf, die uns oder unseren Kindern erwartbar auf die Füße fallen werden. Ja, viele Menschen haben sich ins Private zurückgezogen und wenden sich von politischen Fragen ab. Jedoch gibt es viele Leute, denen klar ist, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Mindestens erkenne ich das in den vielen Gesprächen, die ich führe. Viele Menschen hinterfragen das, was uns Politik und weite Teile der Medien offerieren. Brauchen wir in Deutschland wieder mehr liberale Stimmen, damit wir die Staatsquote massiv und nachhaltig reduziert bekommen?

Philipp Bagus

In Deutschland beschleunigt sich die Abwärtsbewegung und ein Grund liegt in den negativen Auswirkungen des Staatswachstums. Gerade die Energiepolitik zeigt ja exemplarisch, dass dieses Agieren rund um wetterabhängige Energiequellen so für Deutschland nicht funktionieren kann. Vielleicht ist jetzt der Punkt erreicht, an dem viele Leute aufwachen und erkennen, dass es in die falsche Richtung läuft. Da wird natürlich nach neuen Ideen zur Lösung der Herausforderungen gesucht. Wir haben es ja bei Javier Milei in Argentinien erlebt. Die Leute haben sich quasi für einen Revolutionär entschieden und erwarten, dass er das radikal umsetzt, was er an liberalen Ideen im Wahlkampf erklärt hat. Klar, Javier Milei verkauft sich gut und das ist natürlich auch wichtig. Denn die Linken haben den Kampf der Narrative in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich geführt und für sich gewonnen. Wir sehen es ja auch in Deutschland, an den Narrativen, dass die Reichen immer reicher werden auf Kosten der Armen. Oder daran, dass Unternehmer nur wenig Wertschätzung erfahren. Immer klingt bei den Linken durch, dass Gewinne nur auf Kosten der Arbeiterinnen und Arbeiter möglich seien. Es ist ein marxistisches Narrativ und doch ist es in der Gesellschaft weit verbreitet. Die Liberalen, das muss man ganz nüchtern konstatieren, sind im Kampf der Ideen in den vergangenen Jahrzehnten nicht erfolgreich gewesen. Die Linken haben es geschafft, die öffentliche Meinung maßgeblich zu bestimmen. Schlussendlich auch durch Instrumente wie eine effektive Kontaktschuld. Mit dieser zwingt man die Leute, die Gegenargumente erst gar nicht vorzutragen, sondern um seine Reputation fürchtend die Narrative widerstandslos hinzunehmen.

Ralf M. Ruthardt

Man gestatte mir eine weitere Hypothese. Während die Liberalen womöglich viel Zeit dafür aufbringen, ihre volkswirtschaftlichen Modelle wissenschaftlich zu argumentieren, haben es die Menschen auf der linken Seite mit sozialistischen Tendenzen einfacher. Denn die Umverteilung von bereits erwirtschaftetem Wohlstand ist einfacher, als einer Gesellschaft den Wohlstand als solchen zu bringen.

Philipp Bagus

Ja, generell ist – und das hat auch Milei gesagt – der Liberalismus eine Sache von Thinktanks und Stiftungen. Viele davon scheuen sich oder sind zu schüchtern, ihre Ideen in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Ja, man muss die Ideen selbstbewusst an die Öffentlichkeit tragen und auch so kommunizieren, dass viele Leute es verstehen können. Nach dem Fall der Mauer war die Erkenntnis, dass der Kapitalismus effizienter als der Sozialismus ist, da. Man könnte sich daran erinnern, dass es bei der Effizienz letztlich um die Fragen von Armut oder Wohlstand oder von Verhungern oder Überleben geht. In jedem Fall führte der Sozialismus in die absolute Armut. …

Ralf M. Ruthardt

… aber ist der Kapitalismus nicht ungerecht?

Philipp Bagus

Genau, das Argument haben die Linken, vor allem nachdem das ökonomische Versagen des Sozialismus nach dem Fall der Mauer offensichtlich war, gebracht. Die Armen würden im Kapitalismus ausgebeutet. Er wäre nicht sozial gerecht. Das ist völlig falsch. Vielmehr ist der Kapitalismus nicht nur das einzig wirksame System, um möglichst vielen Menschen Wohlstand zu ermöglichen. Der Kapitalismus ist auch das einzig gerechte System, da er auf freiwilliger Kooperation beruht. Der Sozialismus hingegen basiert auf Neid, Missgunst und Ressentiments. Mit Gewalt von den einen nehmen und den anderen geben, ist eben nicht gerecht. Vielmehr ist es total ungerecht. Milei hat es verstanden, dieses Argument und diese Erfahrungen zu verkaufen. Die Liberalen sollten mehr hinsichtlich der Moral und Ethik argumentieren, weil jedes System natürlich auch eine moralische Rechtfertigung benötigt. Die Marktwirtschaft braucht das ebenfalls, und die Linken haben ihre moralische Rechtfertigung systematisch über Jahrzehnte unters Volk gebracht und dadurch kam es zu diesen langfristigen Tendenzen hin zu mehr Staat.

Ralf M. Ruthardt

Wenn man in die eine oder andere Publikation des Ökonomen Friedrich August von Hayek reinschaut, dann findet man sehr wohl solche Sätze, die eine moralische Rechtfertigung definieren. Da ist dann von Bescheidenheit die Rede und man findet das Wort Demut und so weiter und so fort. Also, es scheint im Liberalismus durchaus einen moralischen Unterbau zu geben, der womöglich in der Kommunikation in die Allgemeinheit völlig untergeht. Vielleicht auch deshalb, weil es – wie in jedem System – das ein oder andere negative Vorbild gab. Und noch eine Hypothese: Während der Kapitalismus im Allgemeinen für mehr Wohlstand sorgt, wird die Sozialdemokratie ab und an gebraucht, um überbordende wirtschaftliche Ungerechtigkeiten auszugleichen. Ich denke da an Berlin 1864, wo die Arbeiterfamilien zum dritten Mal ihre Kartoffelschalen auskochen mussten, weil nichts zum Essen da gewesen ist. Während die Sozialdemokratie um Ausgleich im Miteinander bemüht ist, führt der Sozialismus eine Gesellschaft in ein destruktives Moment – und legt das Gemeinwesen in Schutt und Asche. Dann braucht es wieder den Kapitalismus, um eine Gesellschaft zu Wohlstand zu bringen. Nun, das ist ein wenig infantil beschrieben.

Philipp Bagus

Da möchte ich Ihnen widersprechen! – Das Normale in der Menschheitsgeschichte war Armut. Bittere Armut. Hungersnöte waren vor mehr als 200 Jahren an der Tagesordnung. Was hat die Menschen aus der Massenarmut geführt? Das war der Kapitalismus. Es waren die Ideen der Freiheit. Die haben zur industriellen Revolution geführt und dafür gesorgt, dass Menschen dann die Kartoffelschalen nicht mehrmals aufkochen mussten. Fakt ist, dass die Reallöhne im 19. Jahrhundert kontinuierlich gestiegen sind und dazu geführt haben, dass die Kindersterblichkeit enorm gesunken ist. Schauen Sie sich die Entwicklung der Weltbevölkerung seit Beginn der industriellen Revolution an. Ja, die Sozialisten erzählen natürlich, dass die Gewerkschaften dafür gekämpft haben, dass die Auswüchse korrigiert wurden. Nein, die Kinder haben im Mittelalter immer auf dem Hof gearbeitet. Die haben auch Tag und Nacht, oder die haben jeden Wochentag auf dem Land gearbeitet. Sie sind dann freiwillig in die Städte gezogen, weil sie da ein geregeltes Einkommen hatten, wo nicht ihr Einkommen vom Wetter abhing. Die Realeinkommen sind zwar anfangs auf einem sehr niedrigen Niveau gewesen. Da wird man immer Episoden von großer Armut finden, wie die von Ihnen angesprochenen Verhältnisse in den Arbeiterfamilien von 1864. Aber auf lange Sicht ist der Wohlstand natürlich enorm angestiegen. Denken wir an die Annehmlichkeiten von Heizung, Hygiene und medizinischer Versorgung. Von 1800 bis heute – das ist doch eine enorme, positive Entwicklung. Es ist ein historischer Irrtum zu glauben, wir bräuchten die Sozialdemokratie, um irgendwelche Auswüchse zu bekämpfen.

Ralf M. Ruthardt

Bedeutet, dass der Kapitalismus nicht die Sozialdemokratie oder den Sozialismus und auch kein anderes konkurrierendes Gesellschaftsmodell benötigt. Er ist in sich selbst wirksam. Habe ich Sie so richtig verstanden?

Philipp Bagus

Ja, der Kapitalismus ist eine Marktwirtschaft, in der auch gespart wird. Dadurch wird Kapital akkumuliert. Diejenigen, die nicht ihr ganzes Einkommen konsumieren, sind nicht nur die Reichen, sondern das sind eben auch Leute aus der Mittelschicht und Unterschicht. Diese „Kapitalisten“ sparen und dadurch kommt es zur Kapitalakkumulation. Diese führt dazu, dass die Produktivität steigt, was dazu führt, dass die Reallöhne steigen. Ja, also jeder, dem die Interessen der Arbeiter am Herzen liegen, der muss konsequenterweise Kapitalist sein.

Ralf M. Ruthardt

Können Sie bitte auf die Kapitalakkumulation nochmals eingehen?

Philipp Bagus

Durch die Kapitalakkumulation wird die Arbeit produktiver. Wenn wir zum Beispiel an einen indischen Landwirt in sehr ländlichen Gebieten denken: Da zieht womöglich ein Ochse den Pflug. Durch Sparen und Kapitalakkumulation, also die Ansammlung von Kapital, kann ein Traktor zum Einsatz gebracht werden. Der fährt dann GPS-gesteuert und zieht dabei einen Pflug mit heutzutage bis zu 20 Pflugscharen. Es ist erkennbar, dass dadurch die Produktivität steigt und damit das Einkommen.

Ralf M. Ruthardt

Womöglich ist der Begriff „Kapitalist“ in weiten Teilen unserer Gesellschaft durch permanentes Framing so negativ besetzt, dass die eigentliche Bedeutung kaum mehr präsent ist.

Philipp Bagus

Es kommt – um beim Beispiel zu bleiben – ja noch dazu, dass der Landwirt nicht mal selbst das Kapital ansparen muss. Sein Reallohn steigt auch dann, wenn Fremdkapital zum Einsatz kommt.

Ralf M. Ruthardt

Okay, hier sprechen wir vom Leverage-Effekt; also die Produktivität und damit einhergehend die Chance auf Gewinn ist höher, als der Zins, der für das fremde Kapital aufzubringen ist. Das hört sich nach Günter Wöhes „Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ an – jetzt in der 28. Auflage erhältlich. (lacht) Halten wir fest: Das Einkommen des besagten Landwirts wird steigen, wenn er produktiver seine Arbeit verrichten kann. Bitte lassen Sie uns, lieber Herr Bagus, einen Gedankensprung machen und über die Lehren eines Friedrich August von Hayek und anderer aus der Österreichischen Schule sprechen.

Philipp Bagus

Hayek hat ein schönes Büchlein verfasst: „Capitalism and the Historians“. Da spricht er über die industrielle Revolution und wie die Arbeiter immer wohlhabender wurden. Es geht um das, was ich soeben ausgeführt habe. Hayek ist jemand, der gut erklärt, wie der dynamische Marktprozess funktioniert. Es geht darum, wie kapitalistische Marktwirtschaft funktioniert und warum gegenteilige Modelle nicht funktionieren können. Im dynamischen Marktprozess versuchen immer Unternehmer, Gewinnmöglichkeiten zu entdecken, um die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen besser zu befriedigen als ihre Wettbewerber. Sprich: bessere Güter oder Dienstleistungen zu günstigeren Preisen. Sie orientieren sich an Informationen über die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Wenn die Unternehmer richtig liegen, haben sie Gewinn. Und wenn sie falsch liegen, schreiben sie Verluste. Im Sozialismus, also in der Planwirtschaft, entscheidet der „Staat“ für die gesamte Wirtschaft oder für Teilbereiche wie die Energie, die Bildung oder das Gesundheitswesen, was wie produziert wird.

Ralf M. Ruthardt

Es ist unschwer erkennbar, dass das nicht funktionieren kann. Es ist kaum bewältigbar, die von Ihnen genannten Informationen über die Bedürfnisse zu sammeln und zu verarbeiten. Zudem fehlen die wettbewerblichen Alternativen, von denen sich welche durchsetzen und andere eben nicht. Außerdem spielt der Faktor Ressourceneinsatz und Zeit eine Rolle: Sprich, ein freier Markt ist weitgehend agil, also reaktionsschnell.

Philipp Bagus

Genau. Das erforderliche Wissen kommt erst im Marktprozess zustande, und das ist eben, was Hayek gezeigt hat, die Bedeutung dieses unternehmerischen Wissens. Der Sozialismus scheitert alleine schon wegen eines Wissensproblems. Er kann nicht wissen, was in welcher Quantität und Qualität hergestellt werden soll.

Ralf M. Ruthardt

Wir erinnern uns an die vergangene Regierung, die sogenannte Ampelkoalition. Lassen Sie uns für einen Moment auf die Energiewende fokussieren. Kann man davon sprechen, dass es im Grunde genommen sozialistische Methoden waren, mit denen die Bundesregierung hier zugange gewesen ist?

Philipp Bagus

Auf jeden Fall. Das ist Planwirtschaft. Hayek hat von verhängnisvoller Anmaßung gesprochen. Hier ist es die Anmaßung von Wissen, welches die besten Energiequellen sind, wann geeignete Speicherkapazitäten verfügbar sind …

Ralf M. Ruthardt

… und ging so weit, dass Unternehmen gefälligst nur produzieren sollten, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint. Zugleich haben sich die regierenden, also staatlichen Akteure, für eine Arbeitswoche mit vier Tagen ausgesprochen und alle möglichen Regularien im Kopf gehabt, bei denen die Verfügbarkeit von Energie überhaupt nicht zu den arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen eines produzierenden Unternehmens passt. Infantil. Geradezu seltsam, also nicht begreiflich.

Philipp Bagus

Eine der Antworten bei der Energiewende hätte – ganz im Sinne Hayeks – die Technologieoffenheit sein müssen. Am Markt muss ergebnisoffen herausgefunden werden, welche Technologien wie zum Einsatz gebracht werden können. Und man sieht es ja: Die deutsche Energiepolitik ist ein Alleingang! Die Regierung lag völlig falsch. Während andere Länder auf die Atomkraft setzen, ist in Deutschland keine Antwort zur Netzstabilität und Versorgungssicherheit gegeben. Vom hohen Strompreis mal ganz abgesehen. Welche Risiken mit einer staatlich verordneten Energiewende einhergehen, hatten wir vor einiger Zeit in Spanien erlebt: ein Blackout mit allen Konsequenzen. Wirtschaftlicher Schaden. Und Menschen sind dabei leider auch zu Schaden gekommen. Dieses staatliche Lenken ist natürlich purer Sozialismus.

Ralf M. Ruthardt

Wir greifen zum Schluss dieses Beispiel auf: Der Blackout in Spanien und Portugal. Ich habe in der deutschen Medienlandschaft, insbesondere bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten (ÖRR), recherchiert. Ich bin für mich zum Ergebnis gekommen, dass insbesondere der ÖRR – ganz dem Vorurteil, Mainstream zu sein – den Blackout mit einer unangemessenen Leichtigkeit kommuniziert hat. Es hat in manchen Beiträgen geradezu nach einem Event ausgesehen. Da haben Journalistinnen und Journalisten mit einem Lächeln auf den Lippen darüber gesprochen, wie sich die Menschen behelfen und dass es da und dort zu fröhlich-skurrilen Szenen gekommen sei. Es wurde berichtet, dass ein Dorf in Spanien den Stromausfall nicht spürte; was im Kontext von Millionen Betroffener irgendwie irritierend anmutete. Mein Eindruck war, dass besagte Mainstream-Medien eher wenig über die Ursachen und Auswirkungen gesprochen haben. Dass beispielsweise allein an den Schlachthöfen Tausende von Tonnen Fleisch kaputtgegangen sind, weil die Kühlanlagen ausgefallen sind und der Schaden bei 180 Millionen Euro lag, konnte ich der Auslandspresse, der Fachpresse oder sogenannten alternativen Medien in Deutschland entnehmen. Mir scheint, als ob komplexe oder komplizierte Zusammenhänge in sozialistischen Gesellschaftssystemen wenig zur Sprache gebracht werden. Man konzentriert sich auf einfache Botschaften und wendet ein seinen politischen Interessen entsprechendes Framing an. Ganz nach dem Motto, den Leuten so lange Sand in die Augen streuen – bis überraschte und entsetzte Bürgerinnen und Bürger sich die Augen reiben.

Philipp Bagus

Der Blackout hat hohe wirtschaftliche Kosten mit sich gebracht und es hat Tote gegeben. Die Ampeln sind ausgefallen. Infolgedessen gab es Verkehrsstaus und Menschen konnten nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht werden. Ja, Sie haben da einen Punkt getroffen. Ich glaube auch, dass die liberalen Ideen in der Kommunikation besser verpackt werden müssen. Das ist eine große Kunst, weil es steht ja was Komplexes dahinter. Nehmen wir Javier Milei. Er hat diese Fähigkeit, sehr komplexe Ideen allgemein verständlich rüberzubringen, ohne sie so zu vereinfachen, dass sie nicht mehr der Wahrheit entsprechen würden. Das ist natürlich sehr wichtig, dass man da nicht aufgrund der Vereinfachung etwas unter den Tisch fallen lässt. Mit Milei sollte man daher sagen: Weniger Staat und mehr Freiheit bedeutet mehr Wachstum. Oder, dass der Staat das Problem ist. Das ist natürlich eine sehr komprimierte Form der Theorie.

Ralf M. Ruthardt

Dann könnten wir doch zum Schluss sagen, dass wir in Deutschland und darüber hinaus eine liberale Renaissance benötigen. Wenn wir diese als Gesellschaft wollen, dann bekommen wir diese auch hin. Wir verfügen über positive Beispiele: Nehmen wir die Abschaffung des Postministeriums Anfang 1995. Heute haben wir eine erfolgreiche Deutsche Telekom AG im Bereich Telekommunikation und bei Paket- und Brieflogistik sehen wir die Erfolge einer DHL. Zum Zeitpunkt der Transformation war es jedoch eine Kraftanstrengung. Da mussten Zehntausende Menschen bei vollen Bezügen zu Hause bleiben – weil es eben neuer Prozesse und Strukturen bedurfte. Nein, auf die Deutsche Bahn gehe ich an dieser Stelle nicht ein – diese scheint mir eher ein „sozialistisches“ Unternehmen zu sein, welches nicht wirklich „am Markt“ frei agiert bzw. frei agieren darf.

Philipp Bagus

Ja, die Transformation einer Staatsgesellschaft in eine freie Gesellschaft ist natürlich ein interessanter Prozess. In Deutschland könnten viele Behörden ganz einfach aufgelöst werden, wie in Argentinien, wo über 200 Behörden aufgelöst wurden. Bei vielen würde man nicht merken, dass es sie nicht mehr gibt. Um mit Milei zu sprechen, da muss man mit der Kettensäge ran. Und wenn man zu viel wegschneidet, dann merkt man es und korrigiert es.

Ralf M. Ruthardt

Wir nehmen die „Kettensägen“ als Schlusswort und lassen das genauso stehen. Herzlichen Dank für das Gespräch.

Zur Person

ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps („Deep Freeze: Island’s Economics Collapse“ mit David Howden). Sein Buch „Die Tragödie des Euro“ erschien in 14 Sprachen. Gemeinsam mit Andreas Marquart ist er Autor von „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen“ sowie „Wir schaffen das – alleine“. Im September 2024 erschien sein Buch „Die Ära Milei“. https://philippbagus.de/de

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