Im Gespräch erläutert der Ökonom Philipp Bagus die Zielsetzung des neu gegründeten Javier Milei Institut für Deregulierung in Europa e.V. und wirbt für eine konsequente Deregulierung als Voraussetzung für mehr Freiheit und Wohlstand. Dabei spricht er über politische Narrative, staatliche Einflussnahme, Bildungsfragen sowie über wirtschaftspolitische Impulse, die er unter anderem aus Javier Mileis Reformkurs ableitet.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Man spricht vom „Maschinenraum“ des klassischen Liberalismus – und denkt beispielsweise an die Hayek Gesellschaft in Berlin. Nun gibt es neuerdings das Javier Milei Institut für Deregulierung in Europa und es stellt sich die Frage, ob dieses Institut ein weiterer „Maschinenraum“ ist und wenn ja, welche Maschinen stehen da drin?

Philipp Bagus

Mein Kollege Prof. Dr. Stefan Kooths verwendet das Bild des „Maschinenraums“, wenn er über die Friedrich August von Hayek-Gesellschaft in Berlin spricht, deren Vorsitzender er ist. Mit dem Javier Milei Institut für Deregulierung in Europa geht es uns um eine liberale, libertäre Plattform. Dort sollen sich die entsprechenden Leute zusammentun, konkrete Deregulierungsstrategien und -vorschläge erarbeiten und diese in Kampagnen kommunizieren. Man könnte auch von einem Auffangbecken für Menschen sprechen, die sich engagieren wollen und die einen Blick auf Javier Milei und seine Erfolge geworfen haben. Es geht um einen Weg zur Freiheit, den es zu formulieren und zu gehen gilt. Dazu gibt es in einigen Wochen sicherlich mehr zu berichten.

Ralf M. Ruthardt

Das Institut ist also mehr als ein weiterer liberaler oder libertärer Thinktank, von denen es ja bereits einige gibt.

Philipp Bagus

Ich möchte es als libertäres Netzwerk verstanden wissen. Wie gesagt, es ist die Idee, eine Plattform zu schaffen, auf der sich liberale Parteien, Institute und engagierte Menschen zusammenfinden und gemeinsam Einfluss auf die politische Willensbildung nehmen.

Ralf M. Ruthardt

Indirekt beschreiben Sie eine Schwäche der Liberalen und Vince Ebert hat es im Interview sinngemäß ungefähr so formuliert: Wenn ihr Liberalen und Bürgerlichen euch auf Zahlen und Argumente zurückziehen wollt, dann gewinnt ihr keine Wahlen und kriegt die Politik nicht beeinflusst. Ihr müsst schon emotional werden und Narrative anbieten.

Philipp Bagus

Ja, genau. Deshalb ist unser Institut inhaltlich breit gefasst und wir wollen Einfluss und einen kulturellen Wandel in Deutschland mitgestalten. Klar, als junges Institut sind wir aktuell noch in einer gewissen Findungs- und Anlaufphase. Jedenfalls das Ziel ist klar: Es sollen Deregulierungsvorschläge konkret gemacht werden – quasi als Denkfabrik. Und zugleich wollen wir in der Außenkommunikation stark werden. Es gilt, auf Argumente gestützte Narrative zu entwickeln, um die Bürgerinnen und Bürger, aber auch die Protagonisten in Medien und Politik zu überzeugen. – Nun, wir werden sehen, wohin es sich entwickelt.

Ralf M. Ruthardt

Welche Narrative wird das Institut setzen, damit Deregulierung nicht als sozialer Kahlschlag, sondern als ein gesellschaftlicher Gewinn verstanden wird?

Philipp Bagus

Man wird sehen, wie wir uns innerhalb des noch jungen Instituts aufstellen und was unsere Arbeitsergebnisse sein werden. Dem kann ich jetzt nicht vorgreifen. Offensichtlich ist, dass die Deregulierung den Leuten Freiheit lässt und zu Wohlstand positiv führt. Wir sehen es ja an den vielen abschreckenden Beispielen erdrückender Regulierung in der Europäischen Union. Das ist ein Grund, weshalb Europa im globalen Wettbewerb immer weiter zurückfällt. Und jetzt das Beispiel mit Argentinien: Dort bekommen die Menschen, die Unternehmen endlich wieder „die Luft“ zum Atmen – und wir sehen, welche positiven Auswirkungen das hat: Für viele Leute bedeutet es raus aus der Armut. Das ist ja schon mal ein positives Narrativ. Wir haben keine mit Argentinien vergleichbare Armut in der EU, aber es muss ja erst gar nicht so weit kommen. Eine Fülle von Kennzahlen zeigt uns auf, dass wir auf dem falschen Weg sind. Diese Erkenntnisse gilt es zu nutzen und Politik zu ändern, damit wieder mehr Wohlstand und Freiheit geschaffen wird. Es braucht diese Deregulierung. Sehr dringend.

Ralf M. Ruthardt

Fokussieren wir uns für ein paar Momente auf Deutschland. Ist die bisherige zu wenig liberale Politik das Ergebnis von Bildungsarmut und Lebenserfahrungsarmut bei zu vielen Mandatstragenden in den Parlamenten? Hat eine große Infantilität die Politik der vergangenen 20 bis 30 Jahre gekennzeichnet?

Philipp Bagus

Vieles ist natürlich auf diese Staatskultur zurückzuführen. Die von Ihnen angesprochene Infantilität wird durch diese Abhängigkeiten des paternalistischen Staates geschaffen. Ja, viele Leute übernehmen keine Verantwortung und ihr Handeln bleibt ohne direkte Konsequenzen für sie selbst. Der Staat bestimmt fast alles, regelt fast alles – und wenn man unverantwortlich handelt, wird man vom Staat aufgefangen. Das führt schlussendlich dazu, dass die Leute verkindlichen, also keine Verantwortung für ihre Handlung übernehmen. Man könnte auch sagen: Sie können eine solche Verantwortung gar nicht übernehmen, weil der Staat als dominanter Akteur im Weg steht. Es gibt ohne Freiheit keine Verantwortung. Dieses infantilisierte Verhalten führt dazu, dass in der Quintessenz Politiker Vorstellungen und ein Wollen haben, das fern von der Realität ist. So, wie wir es bei Kindern kennen. Unsere Politiker wünschen sich etwas – und dann stehen da Realpolitiker wie Wladimir Putin, Donald Trump oder der chinesische Staatspräsident.

Ralf M. Ruthardt

Das bedeutet, dass wir als Gesellschaft uns wieder auf die positiven Einflussfaktoren konzentrieren müssen …

Philipp Bagus

Wir haben über die Infantilisierung gesprochen. Da können wir direkt mit Bildung beginnen: Die fehlende Bildung ist damit verbunden, dass das Bildungssystem durch den Staat okkupiert ist. Es gibt zu wenig relevante Leistungsanreize. Überspitzt formuliert: Jeder sollte einen Universitätsabschluss bekommen. Darauf sind die Anreize ausgerichtet worden – und Lehrer haben die Tendenz, bessere Noten zu vergeben. So ist das Niveau immer weiter gesunken. Die Lehrpläne sind aus der Sicht des Staates geschrieben. In den staatlichen Lehrplänen wird der Staat immer als Lösung dargestellt und nie als das Problem. Da wird von Marktversagen gesprochen. Weltwirtschaftskrisen werden als Versagen des Kapitalismus dargestellt und Keynes’ Theorien retten die Welt. Ganz nach Keynes’ Theorien: Märkte erreichen nicht immer automatisch Vollbeschäftigung und deshalb seien Staatseingriffe zur Stabilisierung der Wirtschaft notwendig; besonders bei Krisen. Man sieht, dass zu wenig diese Theorien infrage gestellt werden und dabei haben Mises und Hayek jede Menge gute Argumente, die ins Feld geführt werden können. Nun, mit Blick auf die außergewöhnliche Situation in Argentinien und deren außergewöhnlichen Präsidenten Javier Milei erkennen wir: Gute Strategien und eine gute Kommunikation ermöglichen auch rasche politische und wirtschaftliche Erfolge.

Ralf M. Ruthardt

Ich möchte nochmals auf die Infantilisierung zurückkommen und ein Beispiel einbringen: Da erzählen Politiker und Medienschaffende den wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern, dass militärische Aufrüstung ein Investment sei. Nun, soweit es der Kompensation einer vernachlässigten Verteidigungsfähigkeit dient, möchte ich es als eine existenzielle Notwendigkeit kategorisieren. Jedoch darüber hinaus kann man Aufrüstung als ein staatlich oder politisch organisiertes Wirtschaftswachstum auf Schuldenbasis bezeichnen, oder? Irgendwann wird die Frage nach Zins und Tilgung fällig und man hat als Gemeinwesen nichts wirklich Wertschöpfendes geschaffen.

Philipp Bagus

Das ist dieses Narrativ, dass die Vereinigten Staaten aus der großen Depression gekommen sind, weil im Zweiten Weltkrieg massiv die Rüstungsindustrie für Arbeitsplätze gesorgt habe. Aber wenn Panzer statt Autos gebaut werden, dann ist die Gesellschaft natürlich ärmer dran. Es gibt weniger Autos – als Beispiel für ein persönlich nutzbares und wohlstandförderndes Gut – und mehr Panzer. Schauen wir auf die Opportunitätskosten, wenn man Panzer produziert: Rohstoffe, Speicher-Chips und so weiter stehen der Privatwirtschaft nicht mehr zur Verfügung. Die sind dann eben in dem Panzer drin. Wenn es gut läuft, bleibt der in der Halle stehen. Wenn’s schlecht läuft, nimmt er im Gefecht Schaden oder wird zerstört – und mit ihm der Stahl, die Speicher-Chips und die Arbeitsleistung. Man kann als Staat eine riesige Kriegswirtschaft aufbauen. Die gab es auch in der Sowjetunion und dort gab es keine Arbeitslosigkeit. Die Frage ist aber, ob das, was dann produziert wird, im Sinne der Menschen ist. Und das ist es offensichtlich nicht, sonst hätten sie ja auch ohne den Staat Panzer gebaut. Aber die meisten Menschen wollen eben lieber ein neues Auto. So einfach ist das.

Ralf M. Ruthardt

Lassen Sie mich noch einen Gedankensprung machen: Welche Deregulierung sehen Sie prioritär?

Philipp Bagus

Ich denke beispielsweise an das Lieferkettengesetz. Ganz nach dem Motto: Die jüngsten Gesetze sollten auch als Erstes auf eine Deregulierung geprüft werden. Mit dem sogenannten Heizungsgesetz kann man in Deutschland gleich weitermachen. Die andere Möglichkeit ist, etwas kreativer an die Sache zu gehen: Wenn man beispielsweise der kommunalen Ebene die Befugnis gibt, bei Bauvorschriften regional oder örtlich von gesetzlichen Regelungen abweichen zu dürfen. Wir reden vom Subsidiaritätsprinzip. So kommt es zu einer produktiven Dynamik.

Ralf M. Ruthardt

Wie früher zwischen den Bundesländern in Deutschland: Da gab es quasi einen Bildungswettbewerb. Das Abitur in Bayern und Baden-Württemberg war dann mehr für Unternehmen wertiger, als ein meinetwegen in Bremen erworbenes Abitur. Ihr Impuls würde bedeuten, dass auf den Instanzen von Bundesländern oder Kommunen Freiräume entstehen, die einen Wettbewerb um Standortvorteile mit sich bringen könnten. Man hört schon Stimmen rufen, dass das ausufern und zu Ungerechtigkeiten oder sonst was führen würde. Nun, diese Stimmen blenden wir kurzerhand an dieser Stelle aus, um den Gedanken weiter zu verfolgen.

Philipp Bagus

Genau, der Wettbewerb würde dann dazu führen, dass die Regulierung von alleine wegfällt, nicht angewendet wird oder so ausgelegt wird, dass sie wirkungslos bleibt. Das wäre dann die praktische Auswirkung. Das ist elegant, weil die Regulierung formal noch besteht, aber sie praxis- und lebensnah ausgehöhlt werden kann. Man braucht quasi nur ein übergeordnetes Gesetz, was die Auslegung und die Anwendung auf den untersten Instanzen regelt.

Ralf M. Ruthardt

Der Gedankengang ist verlockend. Es kommt jedoch womöglich noch eine gewisse Komplexität in der Form, dass wir – logistisch, wie auch virtuell – in einer vernetzten Welt leben. Womöglich gibt es nicht immer den erhofften Spielraum auf der lokalen Ebene, wenn beispielsweise ein Konzern Regelwerke in verschiedenen Bundesländern zu würdigen hat … aber mindestens mal bei Baumaßnahmen kann man sich das direkt vorstellen. Wenn ich es richtig verfolgt habe, hat die von Ihnen formulierte Strategie der Deregulierung Javier Milei in Argentinien angewandt.

Philipp Bagus

Genau. Argentinien hat gezeigt, dass das funktioniert. Im Juli 2024 berief Staatspräsident Javier Milei Federico Sturzenegger als Minister für Deregulierung und Transformation (Ministro de Desregulación y Transformación del Estado). Im Rahmen des Gesetzespakets „Ley Bases“ ist Federico Sturzenegger vor allem für die Deregulierung und Privatisierung zuständig, sowie für die Korruptionsbekämpfung.

Ralf M. Ruthardt

In Deutschland ist Philipp Amthor (CDU) seit Mai 2025 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS). Seine bundespolitische Rolle ist der Bürokratieabbau und die Modernisierung des Staates. Keine Ahnung, wie weit er bisher gekommen ist. Vielleicht sollte er sich zeitnah vom Javier Milei Institut für Deregulierung in Europa beraten lassen. (lacht)

Philipp Bagus

Ohne mich mit meinen Kollegen abgestimmt zu haben: Wir stehen bereit. (lacht)

Ralf M. Ruthardt

Dann gibt es Hoffnung auf einen zügigen Bürokratieabbau und einen wirtschaftlichen Aufschwung. Danke für Ihre Zeit, Philipp Bagus, und Grüße nach Madrid.

Zur Person

Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Er ist zudem Autor unter anderem des im September 2024 erschienen Buches „Die Ära Milei“.

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