Wissen vergeht, Erfahrungen verflüchtigen sich — doch gibt es einen Drang, etwas Bleibendes zu hinterlassen. Prof. Dr. Mario Andreotti beleuchtet im Gespräch, warum Menschen ihr Wissen weitergeben wollen, ob die Gesellschaft solche Vermächtnisse verdient — und ob Literatur auch heutzutage wirklich helfen kann, Weisheit über das eigene Leben hinaus lebendig zu halten.
Das GesprächWir dürfen uns schon einige Jahre kennen, lieber Prof. Dr. Mario Andreotti, und ich freue mich, dass wir uns hier zu der Bedeutung von Wissen und Erfahrungen austauschen dürfen. Dabei liegt mir eine bestimmte Perspektive am Herzen. Im Laufe unseres Lebens erwerben wir Menschen Wissen und wir machen Erfahrungen. Da und dort wurden Qualität und Quantität von Wissen und Erfahrungen in einem besonderen Maße erworben. Die Vorstellung, dass die daraus resultierenden Weisheiten verloren gehen könnten, erscheint mir geradezu schmerzhaft. Nun bist Du als Germanist und Literaturwissenschaftler eine Instanz. Wie gehst Du damit um, dass Dein erworbenes Wissen eines Tages zwar in deinem Standardwerk „Die Struktur der modernen Literatur“ anteilig weiterlebt – aber das agile, das neu nachdenkende Momentum nicht mehr sein wird?
Zunächst ein paar allgemeine Bemerkungen zum Thema „Menschsein“. Arthur Schopenhauer hat den Menschen treffend als „animal metaphysicum“ beschrieben, als jemanden, der bestrebt ist, einen seinem irdischen Dasein übergeordneten Zweck zu finden und der auf irgendeine Weise unsterblich sein will. Das Letztere hat ja zum Glauben an die Fortexistenz im Jenseits geführt, einem Glauben, der so alt wie die Menschheit ist. Die Vorstellung, dass es uns nach dem Tod nicht mehr gibt, fällt uns Menschen offenbar schwer. Das gilt auch für mich; ich sage es ohne Umschweife: Daher möchte auch ich, dass mein ganzes literarisches Wissen nach meinem Tod in irgendeiner Form erhalten bleibt. Das Verfassen eines Buches, das wie der UTB-Band „Die Struktur der modernen Literatur“ zu einem Standardwerk der literarischen Moderne geworden ist, hat ja letztlich auch die Funktion, sich als Autor der Nachwelt in Erinnerung zu rufen, auch wenn man sich das zunächst einmal nicht eingesteht. Trotzdem muss man als Mensch bescheiden genug sein, um sich seiner Endlichkeit bewusst zu sein, um zu wissen, dass man in einer gesichtslosen Welt lebt, die dem Einzelnen gegenüber gleichgültig ist, wie der französische Biologe und Philosoph Jacques Monod festgehalten hat. Mit dieser schonungslosen Erkenntnis, dass man in der unermesslichen Teilnahmslosigkeit des Universums letztlich vergessen geht, muss auch ich leben. Das hängt im Tiefsten mit unserem urmenschlichen Todesbewusstsein zusammen.
Man spricht vom Drang, „etwas zu hinterlassen“ und Du bist auf das von Dir verfasste Standardwerk der literarischen Moderne eingegangen. Meinst Du, dass dieser Impuls ein egoistisches Bedürfnis nach Unsterblichkeit ist — oder eher ein Akt der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft? Und wie ordnest Du dieses Motiv historisch-literarisch ein?
Der Drang, etwas zu hinterlassen, hat meines Erachtens zwei ganz verschiedene Beweggründe: Der eine der beiden Gründe besteht in einem tief verankerten Bedürfnis nach Unsterblichkeit. Nicht umsonst sind die Götter der griechischen Antike, ein Zeus, ein Poseidon, ein Hades, eine Demeter oder eine Athene, gleichsam als menschliche Urbilder, zeitlos, ewig jung und unsterblich. Und wenn heute in der Medizin der Versuch unternommen wird, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, indem der Körper nach dem Tod eingefroren wird, um ihn später wiederzubeleben, dann ist das auch Ausdruck eines tiefmenschlichen Bedürfnisses nach Unsterblichkeit. Der zweite der beiden Gründe hängt mit der Kulturgeschichte zusammen. Die Menschen haben im Verlaufe der Geschichte immer wieder bedeutende Werke, sei es in der Philosophie, in der Literatur oder in der Kunstgeschichte, geschaffen, wohl stets in der Absicht, dass die Werke überdauern und die Nachwelt von ihnen Kenntnis erhält. Man denke etwa an die römischen Triumphbögen, welche die Taten der Herrscher zum Wohle der Menschheit gleichsam verewigen sollten. So geht es uns allen: Wir wollen einerseits in unseren Werken weiterleben und andererseits der Gesellschaft etwas weitergeben, was man in lebendiger Auseinandersetzung mit seiner Umwelt erworben hat.
Hat die Menschheit es aus Deiner Sicht überhaupt ‚verdient‘, dass Einzelne ihr überragendes Wissen oder ihre Einsichten weitergeben? Oder muss man mit der Möglichkeit leben, dass wertvollstes Wissen manchmal einfach mit dem Menschen verschwindet?
Dass erworbenes Wissen weitergegeben, der Gesellschaft zugutekommen muss, ist in erster Linie eine Forderung der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Der französische Schriftsteller und Philosoph Denis Diderot hat um 1770 das gesamte Wissen seiner Zeit in seiner „Encyclopédie“ zusammenzutragen versucht, um es der Nachwelt zur Verfügung zu stellen. Die Geschichte kennt aber auch Beispiele, dass wertvolles Wissen, häufig aus ideologischen Gründen, verschwinden kann. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist die Kugelgestalt der Erde, wie sie von bedeutenden Gelehrten der griechischen Antike (Pythagoras, Platon, Aristoteles) bereits angenommen wurde, wie sie dann aber im christlichen Mittelalter, mit wenigen Ausnahmen (z. B. Johannes Kepler), unter dem starken Einfluss des biblischen Weltbildes, geleugnet und durch die Vorstellung der Erde als kreisrunder Scheibe ersetzt wurde. Erst der Naturwissenschaftler Galileo Galilei konnte 1632, nach den Vorarbeiten von Johannes Kepler und Nikolaus Kopernikus, den mathematischen Beweis für die Kugelgestalt der Erde erbringen. Für Bertolt Brecht, in dessen epischem Theater „Leben des Galilei“ der Hauptakteur Galilei das kopernikanische Weltsystem vertritt, war es klar, dass, wer das Wissen besitzt, dieses Wissen denn auch an die nächste Generation weiterzugeben hat. Ganz im Gegensatz dazu nimmt Möbius, der in Friedrich Dürrenmatts „Physikern“ eine Weltformel zur Vernichtung der Menschheit gefunden hat, sein gefährliches Wissen zurück, damit es nicht in die Hände der Menschen gelangt.
Du hast in Deinen Arbeiten immer wieder die Verbindung von Literatur, Gesellschaft und individueller Erfahrung betont. Kann Literatur — jenseits von bloßem Wissenstransfer — in unserer „modernen Welt“ immer noch wesentlich dazu beitragen, Weisheit generationenübergreifend lebendig zu halten? Oder bleibt sie doch letztlich nur ein Spiegel ihrer Zeit?
Vergessen wir zunächst eines nicht: Jede große Dichtung bewahrt in sich eine Deutung der menschlichen Existenz auf, die uns, falls wir sie aus ihrer historischen Umhüllung zu befreien verstehen, etwas über uns selbst sagen kann. Wenn wir uns beispielsweise mit der fast 2500 Jahre alten Tragödie „König Ödipus“ von Sophokles heute noch beschäftigen, so wohl deshalb, weil das Schicksal des Ödipus, seinen Vater zu erschlagen und seine Mutter zu heiraten, als verdrängter Kinderwunsch auch das unsere hätte werden können. Und wenn uns, um ein weiteres Beispiel zu wählen, Franz Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ heute nach über 100 Jahren noch packt, so deshalb, weil sie in gültiger Form zeigt, wie der Mensch immer von Neuem versucht, seiner Existenz einen Sinn abzugewinnen, obwohl er weiß, dass dieser Versuch in einer sinnentleerten Welt zum Scheitern verurteilt ist. Was ich damit sagen will: Jede große Dichtung hat gleichsam zwei Gesichter. Zum einen ist sie Spiegel ihrer Zeit, ist sie von einer bestimmten historischen Situation geprägt, und zum andern ist sie als Kunst überzeitlich, besitzt sie eine gewisse Zeitlosigkeit, sodass wir als Leser eben spüren, dass es in einer Erzählung, einem Roman, einem Theaterstück nicht um irgendetwas, sondern letztlich um uns selber geht. Die Dichter des barocken Jesuitentheaters haben dafür die lateinische Formel „Hic tua res agitur“ verwendet, wörtlich übersetzt „Hier wird deine Sache verhandelt“. So kann etwa Jeremias Gotthelfs Novelle „Die schwarze Spinne“ aus dem Jahr 1842 auch uns moderne Menschen noch lehren, dass jeder Fortschritt, jedes Neue erst dann segensreich und von Erfolg gekrönt ist, wenn es die Tradition nicht verleugnet. Keine Frage: Die Literatur ist ein taugliches Mittel, vielleicht das tauglichste von allen, Welterfahrung weiterzugeben, Auseinandersetzung mit Welt und Umwelt zu spiegeln und darzustellen. Das gilt gerade auch für unsere moderne Welt.
Einmal mehr, lieber Mario, ein inspirierendes Gespräch – und ich bin dankbar, dass wir dies hier im Magazin mit Leserinnen und Lesern teilen dürfen.
Zur Person
ist ein renommierter Schweizer Germanist und Literaturwissenschaftler. Bekannt wurde er als Autor des Standardwerks „Die Struktur der modernen Literatur“ (1983). Er lehrte an Gymnasium und Universitäten, engagiert sich als Juror u. a. für den Ravicini- und Bodensee-Literaturpreis und publiziert regelmäßig Kolumnen und Essays. Er organisiert und leitet jährlich ein Seminar zur modernen Literatur im bayerischen Irsee. Zudem hält er regelmäßig Vorträge als unabhängiger Germanist.
