Die FDP ist nach der Bundestagswahl 2025 nicht mehr im Parlament vertreten - und mit Ihr Katja Adler. Viele Menschen stellen die Frage, liberaler Argumente zukünftig überhaupt noch im politischen Berlin gehört werden. Und es stellt sich die Frage, wohin die Diskussionen um Brandmauern und um die Ansichten und Anliegen der Wählerinnen und Wähler in Ostdeutschland führen.
Das GesprächEs ist ein Buch, das in den vergangenen Monaten an Aktualität gewonnen hat: „Rolle rückwärts DDR? – Wie unsere Freiheit in Gefahr gerät.“ In Ihren Erinnerungen, Katja Adler, nehmen Sie Leserinnen und Leser mit in Ihre ostdeutsche Sozialisierung. Sie haben bis Februar 2025 für die FDP im Bundestag viele Eindrücke und Erkenntnisse mitgenommen. Mit Ihrem Buch geben Sie ein Statement für die Freiheit und Selbstbestimmung und reflektieren den Wert und die Bedeutung von Freiheit an der DDR. Dabei machen Sie keine gewagten historischen Vergleiche auf, sondern Sie reden von Erfahrungswelten und leiten daraus etwas ab. Was ist Ihnen Ihre Freiheit wert, von der Sie in Ihrem Buch sprechen?
Sehr, sehr viel. Ohne Freiheit ist alles nichts. Beginnen wir mit dem Gegensatz von Freiheit. Unfreiheit bedeutet, ich kann nicht selbst entscheiden und ich darf womöglich auch nicht frei über das reden, was ich denke. Im Buch mache ich es deutlich, was Unfreiheit im Alltag bedeutet. Das fängt bei der freien Berufswahl an. Es geht weiter mit Reisefreiheit und es gipfelt darin, dass man – weil eine bestimmte Haltung von staatlicher Seite erwartet wurde – weder den freien Diskurs hatte, noch seine Meinung ohne Sorge vor Konsequenzen geäußert hat. Ich komme dann sehr schnell zu dem Punkt, dass ich sage, Freiheit ist für mich und für mein Leben alles, was zählt. In einer Demokratie sind solche Freiheiten essentiell. Es ist eine Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie, dass wir frei sind. Das ist einer der Gründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Weil ich nämlich das Gefühl habe, dass einem großen Teil der Gesellschaft die Freiheit als Wert gar nicht mehr so bewusst ist. Sie ist für viele Menschen – insbesondere in den sogenannten alten Bundesländern – selbstverständlich geworden. So selbstverständlich, dass es die Nachbetrachtung der Corona-Pandemie bedarf, um festzustellen, wie schnell Menschen die Restriktionen akzeptiert haben.
Es hat in der Zeit der Pandemie weitgehend das Hinterfragen gefehlt. Das Einfordern der Würdigung neuer Erkenntnisse. Der ehrliche Umgang mit bekannten und unbekannten Faktoren. Medien sind mit der Politik mitmarschiert und haben sich – womöglich bis heute – von diesem Unterstützergeist in zu weiten Teilen nicht erholt. Aber gehen wir zurück zur Pandemie und der Frage nach Freiheit.
Nicht mehr rausgehen zu dürfen, also die Ausgangssperren oder für Kinder die Regelung, nur ein weiteres befreundetes Kind treffen zu dürfen. Die Kinder haben zeitweise jegliche Freiheit und ihr Recht auf Freizeit und Spiel – was im Übrigen ein Kinderrecht ist – komplett verloren. Wie schnell solche und andere Rechte abgesprochen werden können und wie schnell Freiheit massiv eingeschränkt werden kann, hat mich erschüttert. Und das unter dem Deckmantel des Schutzes der Gesundheit.
Wir teilen diese Erschütterung. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sehr wohl im Verlauf der Pandemie Erkenntnisse für die Politik verfügbar gewesen sind, die solch massive Freiheitseinschränkungen weder notwendig gemacht haben, noch diese im Nachgang rechtfertigen. Eine persönliche Anmerkung: Im Nachhinein betrachtet bin ich meiner Verantwortung mir selbst gegenüber nicht gerecht geworden. Alles sträubte sich, weil ich mich nicht glaubhaft informiert gesehen habe. Die Diktate von Verhaltensmaßnahmen waren – insbesondere im Verlauf der Pandemie – oftmals weder vernünftig erklärbar, noch würdigten Politik und Medien den fachlichen Widerspruch und Gegenargumente. Nun, lassen Sie uns beim Begriff „Freiheit“ bleiben, ohne dass wir hier eine wissenschaftliche Abhandlung anstreben. Es ist doch so, dass der Erhalt von Freiheit erfordert, zu merken, wenn sie einem genommen wird. Können wir hier von Wachsamkeit und Achtsamkeit sprechen? Ist einem Großteil der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, womöglich ob eines weitgehenden Wohlstands, diese Achtsamkeit abhandengekommen?
Wenn man Freiheit hat, dann ist es selbstverständlich. Ich entscheide mich, was ich für einen Beruf lerne oder welches Fach ich studiere. Ich entscheide mich, wo ich in den nächsten Urlaub hinfahre und so weiter. Das und noch viel mehr ist total selbstverständlich. Wenn es einem jedoch genommen wird, wird man darauf gestoßen, wie wertvoll diese Freiheit gewesen ist. Möglicherweise ist das auch der Grund, warum viele Ostdeutsche viel sensibler darauf reagieren, wenn Freiheit genommen wird. Ich sehe das bei mir: Zwar war ich erst 15 Jahre alt, als die Wende kam. Trotzdem kann ich mich sehr gut daran erinnern, was mir als Kind und Jugendliche an Freiheiten in der DDR gefehlt hat. Ja, ich durfte Abitur machen, aber nur unter der Voraussetzung, dass ich dann Lehrer geworden wäre. Mir wurde eben nicht zugestanden, frei entscheiden zu können, welchen Beruf ich später ausüben möchte. Der Staat hatte in einer Vielzahl von Lebensbereichen ein Diktat ausgeübt. Diese Sensibilität, wie bedeutsam Freiheit und Selbstbestimmung sind, die vermisse ich zuweilen bei dem einen oder anderen Westdeutschen.
… und wir Westdeutschen dürfen uns die Frage stellen, ob wir diese Sensibilität unserer ostdeutschen Landsleute ausreichend würdigen und wertschätzen. Es ist quasi geradezu ein Schutz für die uns womöglich fehlende Sensibilisierung in dieser Frage. Lassen Sie uns, bevor wir zum Thema Verantwortung kommen, bei der Achtsamkeit bleiben und dazu klammern wir mal kurz die Corona-Pandemie bewusst aus. Worauf sollten wir heute unsere Achtsamkeit lenken, was unsere Freiheit anbelangt? Haben Sie ein, zwei Beispiele für Entwicklungen, die auf einen offenkundigen oder schleichenden Entzug von Freiheit schließen lassen?
Das geht bei Fragen der Ernährung bereits los. Wir erinnern uns an den Bürgerrat und das Thema einer gesunden Ernährung. Nehmen wir den „Veggieday“: Da wird dann quasi verordnet, dass wir jetzt mal alle an einem Tag kein Fleisch essen. Es wird dir als gebildeter, erwachsener Bürger die Entscheidung abgenommen, dann Fleisch zu essen, wenn du es für richtig ansiehst. Wieso sorgt man nicht für eine gute Aufklärung und für eine gute Bildung? Man soll die Voraussetzung schaffen, dass der Mensch seine eigene Entscheidung treffen kann. Das ist die Aufgabe des Staates. Sie haben nach zwei Beispielen gefragt. Hier das Zweite: Ich habe oft lange Strecken zu fahren. Da ist für mich ein Elektroauto ungeeignet. Also entscheide ich mich nicht dafür – und muss mir ständig auf die Nase binden lassen, dass das jetzt aber nicht gut für die Umwelt sei. Dabei orientieren sich viele Leute womöglich nur an einer Haltungsfrage und haben sich mit der Faktenlage nie angemessen beschäftigt.
Ein Elektroauto ist nicht unbedingt umweltfreundlicher als ein Fahrzeug mit einer modernen Dieseltechnologie. Denn beim Vergleich muss man den gesamten Zyklus anschauen. Lassen Sie uns einen Gedankensprung machen: Wir erinnern uns an ein milde auf uns Menschen herabblickendes Konterfei vor grünem Hintergrund. Man könnte das Empfinden haben, dass ein wegweisender Politiker zur richtigen Haltung mahnt. Ja, milde mahnt. Lassen Sie mich die Frage herausgreifen, ob beispielsweise die grüneklimabewegte Szene – ich grenze hier bewusst zu grün-ökologisch orientierten Leuten ab – sozialistischen Prinzipien folgt?
Das kann sein und das könnte man auch mit Fakten hinterlegen und in meinem Buch bin ich darauf eingegangen. Wenn man sich überlegt, wie Bündnis 90/DIE GRÜNEN sich zusammensetzen, dann erschließen sich wichtige Zusammenhänge. In der ehemaligen DDR ist das Bündnis 90 entstanden. Diese Leute waren gegen die Diktatur des DDR-Staates, aber gleichwohl für eine Reform des Sozialismus.
Jetzt, wo Sie es erwähnen, kommt es wieder ins Bewusstsein. Ein interessanter Aspekt, der das begründet und erschließt, was bis vor wenigen Minuten noch ein vager Eindruck gewesen ist.
Bündnis 90 wollte einen demokratischen Sozialismus etablieren. Und diese Leute von Bündnis 90 haben mit DIE GRÜNEN fusioniert. Auf die Differenzierung zwischen den Grünen aus dem Osten und den Westgrünen wollen wir jetzt nicht eingehen. Es sei angemerkt, dass es dort wesentliche Unterschiede in den Positionen gegeben hat. Jedenfalls sind meiner Kenntnis nach die Westgrünen in eine eher autoritäre politische Richtung gelaufen. Nun, die haben jetzt mit Bündnis 90 fusioniert. Das erklärt viel und daher meine ich sehr wohl, dass von einer sozialistischen Grundideologie auszugehen ist. Wenn man ins aktuelle Wahlprogramm schaut, erkennt man da weiterhin wesentliche Elemente eines Sozialismus. Nehmen wir die Vergemeinschaftung von Eigentum oder das Demokratiefördergesetz. Oder nehmen Sie zum Beispiel die Krankenhausfinanzierung; da geht es immer um Gemeinnützigkeit. DIE GRÜNEN haben ein ganz anderes Grundverständnis vom Bürger als zum Beispiel die Liberalen. Ich sehe, dass DIE GRÜNEN glauben, uns Menschen sagen zu müssen, was wir zu tun haben, weil das in deren Wahrnehmung alleine nicht hinbekommen. Im Prinzip wollen DIE GRÜNEN so etwas sein wie Erziehungsberechtigte. Mama und Papa sagen dem Kind, was richtig und was gut ist und was es zu tun hat. Dabei sind wir erwachsene, selbstbestimmte Menschen und wir sollten es selbst entscheiden können und dürfen – und ja, bei genauer Betrachtung auch müssen.
Und an dieser Stelle kommen wir auf die Verantwortung zu sprechen. Wer in Freiheit leben will, der muss auch Verantwortung übernehmen. Man ist frei in vielfältigen Entscheidungen und die Konsequenzen daraus, die muss man dann natürlich auch verantworten.
Genau.
Kann man sagen, dass es Parteien mit sozialistischem Profil einfacher haben, ihre Botschaften und Überzeugungen der breiten Masse zu vermitteln, als liberale Parteien? Sind Liberale an Argumenten und am Diskurs orientiert, während Sozialisten es mit vereinfachten Erzählungen leichter haben?
Es ist ein Phänomen, dass man in den Sozialismus mit wehenden Fahnen geht. Andersherum ist das nicht der Fall. Es gibt ja nicht alleine die DDR als mahnendes Beispiel. Blicken wir nach Venezuela, Kuba und so weiter. Was ist da mit den Ländern passiert, wenn sich die Leute erst mal mit wehenden Fahnen den Sozialismus herbeigesehnt haben? Für mich ist es unumstritten und ich sehe kein Gegenargument: Der Sozialismus macht die Menschen arm und beraubt sie ihrer Freiheiten.
Und wenn Sie auf Deutschland blicken …
… da kommen wir aus einem hart erarbeiteten Wohlstand und gehen – wenn man das Agieren vieler Politiker, nicht nur bei DIE GRÜNEN, anschaut – mit wehenden Fahnen und voller Überzeugung, was unsere Haltung anbelangt, in den Sozialismus. Das ist die aktuelle Situation, in der wir uns in Deutschland befinden. Wir haben Wohlstand für weite Teile der Bevölkerung erarbeitet, haben eine gewisse Dekadenz entwickelt, die sich breitmacht und zu unvernünftigen Entwicklungen führt.
Ich bin froh, dass Sie in unserem Gespräch so klare Worte finden. Ihre Analyse, Katja Adler, soll auch die Leserinnen und Leser zum ergebnisoffenen Nachdenken einladen, die dem widersprechen. Vielleicht sind darunter Menschen von Bündnis 90/DIE GRÜNEN. Man nehme sich allseits die Freiheit, die Argumente und Gegenargumente in den konstruktiven Diskurs einzubringen – ohne durch beispielsweise selektive Verkürzung einen Dialog zu sabotieren. Die Anmerkung möchte ich an dieser Stelle platzieren.
Lassen Sie mich von Erfahrungen berichten, die ich in so manchen Diskussionen mit Menschen mache, denen es wirtschaftlich gut geht. Diese sprechen manchmal davon, jetzt auch mal sozialer sein zu wollen. So nach dem Motto, man hat ja aus dem Kapitalismus viel Positives gezogen und jetzt entdeckt man seine sprichwörtliche „soziale Ader“. Also, man will mehr Solidarität üben.
Solidarität war auch in der Corona-Zeit ein oft gebrauchtes Wort. Am Rande sei angemerkt, dass ich „Solidarität“ für mich immer positiv belegt habe. Klar, im ehrenamtlichen Engagement in Kirchengemeinden oder in der Afrikahilfe ist dieser Begriff präsent. Es gibt jedoch auch eine Deutung von Solidarität, die ein unbedingtes Zusammenhalten mit jemandem aufgrund gleicher Anschauungen und Ziele meint.
Solidarität ist auch das zentrale Wort im Sozialismus gewesen. Wir sind alle solidarisch miteinander und so weiter. Aber es ist ein Trugschluss, dass Sozialismus das nächstbessere System sein könnte, nach dem Kapitalismus. Ganz im Gegenteil. Die Erfahrungen zeigen, dass der Sozialismus die Menschen arm macht und Kapitalismus das Potential hat, Wohlstand zu bringen.
Dieser Tage ist mir der Gedanke gekommen, dass der Kapitalismus das Potential hat, einem Großteil der Gesellschaft Freiheiten und Wohlstand zu bringen – und dort, wo der Kapitalismus Ungerechtigkeiten mit sich bringt, es der Sozialdemokratie bedarf, um dies wieder in Ordnung zu bringen. Ich habe dabei an die Arbeiterbewegungen der frühindustriellen Zeit gedacht, als die Leute zwei Tage hintereinander die Kartoffelschalen ausgekocht haben, weil sonst nichts da war, während die Reichen sich die Bäuche vollstopften. Nun, es ist ein unvollkommener Gedanke, aber er zeigt, dass der Sozialismus – im Gegensatz zur Sozialdemokratie – darin überhaupt nicht vorkommt. Vermutlich, weil ich kein Argument gefunden habe, das ihm eine den Menschen zugewandte positive Wirksamkeit zuschreibt.
Natürlich bedarf es im Kapitalismus der Leitplanken. In Deutschland sprechen wir von der sozialen Marktwirtschaft. Das ist ein mit vernünftigen Leitplanken ausgestatteter Kapitalismus. Da geht es für die Kinder um den Zugang zu Bildung unabhängig von der Ausgangslage im Elternhaus. Da geht es um soziale Teilhabe für Menschen, die unter einer Einschränkung leiden. Da geht es – um ein weiteres Beispiel anzuführen – um die Errungenschaften bei der Arbeitssicherheit und um lebensbejahende Arbeitszeiten. Die soziale Marktwirtschaft hat sich bewährt. Sie hat uns in Deutschland den Wohlstand gebracht, den wir heute haben.
… und den wir als Gesellschaft verzehren, also durch unvernünftiges politisches Handeln abbauen.
Man braucht sich nur die beiden deutschen Staaten angucken: Wo stand 1989 die ehemalige DDR und wo stand zeitgleich die Bundesrepublik Deutschland. Auf der einen Seite ein sozialistisches System und auf der anderen Seite der Kapitalismus in der Ausprägung einer sozialen Marktwirtschaft. Das kann man bestens vergleichen und das Ergebnis ist offensichtlich: Die Bundesrepublik Deutschland war damals der klar überlegene Partner. Und so hat der Westen gegenüber dem Osten in der Wendezeit ja auch agiert. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls erklärt sich an diesem Punkt der Titel meines Buches: Wollen wir wirklich wieder eine Rolle rückwärts machen und den Sozialismus – in welcher modernisierten Form auch immer – haben? Ich sage ganz klar: Nein, auf gar keinen Fall!
Jetzt könnten wir noch weitere Beispiele heranziehen, wie meinetwegen Südkorea und Nordkorea. Wir haben vorher über Solidarität gesprochen. Sie hatten erwähnt, dass Menschen aus dem Wohlstand heraus die Bereitschaft entwickeln, davon etwas abgeben zu wollen – und dann war von Solidarität die Rede. Mir sind soeben – und man betrachte es bitte nur als einen Einschub, den ich nicht verdrängen will – zwei Begriffe in den Sinn gekommen: Spende und Opfer. Es ist schön, wenn Menschen von dem reichlichen Hab und Gut etwas erübrigen und anderen Menschen in deren Not etwas abgeben. Gleichwohl fühle ich mich dem Begriff „Opfer“ deutlich mehr zugetan. Denn beim Opfer geht es darum, etwas zu geben, was man nicht erübrigen kann, sondern wofür man sehr wohl einen eigenen Bedarf hat. Man spricht auch davon, dass ein Opfer „schmerzt“; man verzichtet. – Wir lassen das so stehen und man fühle sich frei, ob dieser Gedanke einem etwas zu sagen hat.
Ich möchte auf einen der großen Unterschiede zwischen Kapitalismus und Sozialismus eingehen. Gleichberechtigung oder Gleichstellung. Im Kapitalismus setzen wir uns für Gleichberechtigung ein.
Gleiche Rechte. Gleiche Chancen. Und somit weitgehend gleiche Möglichkeiten für jeden einzelnen Menschen. Selbstredend haben wir als Individuen unterschiedliche Ausgangslagen – aber es geht hier um die Rahmenbedingungen; das habe ich soweit verstanden.
Im Gegensatz dazu will der Sozialismus alle Menschen gleichstellen. Quasi alle Menschen auf eine Stufe stellen. Das ist für mich der wesentliche Unterschied. Das Erfolgsrezept des Kapitalismus sehe ich darin, dass die Unterschiede der Menschen nicht staatlich verordnet nivelliert werden. Vielmehr sind die Unterschiede der Menschen das, was Nutzen entfaltet und den Fortschritt bringt. Jeder bringt sich in Wirtschaft und Zivilgesellschaft nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten ein. Und die Leitplanken der sozialen Marktwirtschaft sorgen dafür, dass man selbstbestimmt und mit der Chance auf angemessenen Wohlstand sich etwas erarbeiten kann. Konkret: Manche werden studieren und als Ärzte, Physiker, Ingenieure und was auch immer beruflich tätig. Andere Menschen wollen ins Handwerk und wieder andere finden in sozialen Berufen ihre Erfüllung. Ja, etwas idealisiert formuliert, aber in einer Gesellschaft gibt es vielfältige Optionen – wenn der Staat sich, von Leitplanken abgesehen, raushält und nicht den allwissenden Planer gibt. Alle stehen – von den ganz oben abgesehen – auf einer Stufe, im Arbeiter- und Bauernstaat. Das war der Sozialismus. Das war so in der DDR. Leistung zu belohnen ist im Sozialismus auf Planerfüllung fokussiert. Belohnt wird Haltung.
Klar, das ist keine Strategie, um eine Gesellschaft im globalen Wettbewerb so zu positionieren, dass Wohlstand entstehen kann. Nun, wir haben vor Achtsamkeit geredet, ob wir noch frei sind. Wir haben davon geredet, dass Freiheit Verantwortung mit sich bringt, und wir haben über die Leitplanken, die sozialen Komponenten, gesprochen. Jetzt kommt mir noch ein weiterer Punkt in den Sinn: „Etwas aushalten müssen.“ Damit meine ich, dass kein erfolgreiches Gesellschaftssystem in der Lage ist, allseits gerecht und fair im weitesten Sinn zu sein. Dies gilt es auszuhalten. Um es zu veranschaulichen: Da kommt ein Mensch auf die Welt – und er kann nichts dazu, wenn er mit Einschränkungen geboren wird. Er ist im Nachteil. Er hat es schwerer als andere Menschen. Er erlebt Restriktionen in seinen Möglichkeiten, die von der Gesellschaft nicht ausgeglichen werden können. Das gilt es allseits auszuhalten. Ich merk es an mir selber, wenn ich als Arbeiterkind und mit meinen Möglichkeiten den zweiten Bildungsweg gegangen bin. Die Gesellschaft hat mir diese Chance gegeben. Gleichwohl merke ich heute noch, dass mein Weg und meine Möglichkeiten nicht zur gleichen Bildung geführt haben wie die bei anderen Menschen aus Elternhäusern mit hohem Bildungsniveau. Ich muss das als gegeben akzeptieren und damit umgehen. Da kann ich doch keinem Dritten ein Versäumnis zuweisen. In diesem Sinne, meine ich, dürfen wir als Gesellschaft Ungerechtigkeit aushalten.
Da möchte ich ein Stück weit widersprechen. Nicht Ungerechtigkeiten sind auszuhalten, sondern die Ungleichheiten. Menschen sind nicht gleich, und Gleichberechtigung und Gleichheit sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Nicht Ungerechtigkeiten müssen wir aushalten, denn da können wir über bestimmte Bildungsmaßnahmen – Sie haben vom zweiten Bildungsweg als Beispiel gesprochen – versuchen, dass nämlich genau diese Ungerechtigkeit ausgeglichen werden kann. Aber Ungleichheit, die müssen wir aushalten. Menschen sind nicht gleich. Menschen sind völlig unterschiedlich, absolut individuell – und das versucht der Sozialismus unsinnigerweise auszugleichen. Der Sozialismus versucht, alle Menschen gleich zu machen, und subsumiert dies als Solidarität. Das funktioniert nicht.
Ein herzliches Dankeschön für das inspirierende und engagiert geführte Gespräch, liebe Katja Adler, und alles Gute.
Zur Person
wurde 1974 in Eisenhüttenstadt geboren. Nach dem Abitur machte sie an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Bernau ihren Abschluss als Dipl.-Verwaltungswirtin (FH). Neben ihrer Vollzeitbeschäftigung studierte sie an der FU in Hagen Psychologie, Politik und Recht, mit Abschluss als Magister Artium. 2010 trat sie in die FDP ein und arbeitete bis zu ihrer Wahl 2021 in den Deutschen Bundestag in verschiedenen Landesministerien in Schwerin und Mainz. Bis 2025 gehörte sie dem Deutschen Bundestag an. Sie ist zweifache Mutter.
