Mary Abdelaziz-Ditzow ist Chefredakteurin bei Finanzfluss und Autorin von „Behind the News“. In ihrem Buch analysiert sie die Mechanismen moderner Medien mit Insiderblick und kritischer Distanz. Im Gespräch geht es um Narrative, Haltungsjournalismus, Binnenpluralismus und die „toxische Symbiose“ zwischen Redaktionen und Publikum. Und um die Frage, wie Vertrauen durch mehr Demut und Medienkompetenz zurückgewonnen werden kann.
Das GesprächIch erinnere mich an Ihr Interview bei The Pioneer von Ende Februar 2026, liebe Mary Abdelaziz-Ditzow. Sie sprachen davon, dass es im Journalismus nicht um die Wahrheit gehe, sondern um Perspektiven, Auswahlentscheidungen, Verdichtung und Narrative. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen legitimer Perspektive und problematischer Verzerrung? Und wie halten wir als Leserinnen und Leser das auseinander?
Zwei Faktoren sind wichtig. Zum einen die Grenze entlang dessen, was an Perspektiven vertretbar ist. Hier geht es darum, nicht zu diskriminieren, nicht rassistisch und nicht antisemitisch zu sein. Wenn jemand irgendwelche rassistischen oder antisemitischen Aussagen tätigt, dann ist das für mich ausdrücklich nicht im Rahmen des Sagbaren und hat im seriösen Journalismus nichts verloren. Wenn es jedoch um Perspektiven geht, die gerade nicht dem Mainstream-Narrativ entsprechen, dann sind sie wertvoll. Solche Perspektiven müssen zur Sprache gebracht werden, weil gerade dadurch Mehrwerte entstehen.
Und der zweite Punkt?
Das ist die Frage nach der Intention. Also, mit welcher Absicht bildet das jeweilige Medium Perspektiven ab und welche Absicht steht dahinter? Da muss sich Journalismus ehrlich machen. Gerade bei privaten Medien gibt es auch Tendenzbetriebe. Das darf auch so sein, dass man eine politische Tendenz hat. Sie müssen gar nicht objektiv berichten. Aber genau das muss dann auch so festgestellt werden dürfen und als Rezipient muss man sich dessen bewusst sein.
Mit „Behind the News“ wird die Medienkompetenz trainiert. Dort sensibilisieren Sie uns als Medienkonsumenten: Es geht um das Bewusstsein, von welchem Medium man sich gerade informieren und beeinflussen lässt. Die Fragen nach Intention und welche Genese dahinterstecken werden von Ihnen aufgeworfen. Das erinnert mich an meinen Hauptschullehrer. Der hatte damals einen Stapel mit Ausgaben der Süddeutschen Zeitung und DIE WELT angeschleppt. Wir sollten zu einem bestimmten Thema die Beiträge und Kommentare in beiden Zeitungen lesen, um zu verstehen, wie unterschiedlich die Perspektiven sein können. Ich rede über den Unterricht an einer Hauptschule der 1980er-Jahre. Heute haben wir soziale Medien und Algorithmen, die uns gerne den Skandal offerieren und uns in unserer eigenen Bubble halten, weil wir als Menschen das offensichtlich bevorzugen. Muss man heutzutage vermehrt für eine Sensibilisierung bei Medienkonsumenten sorgen? Braucht es ein Mindset und Achtsamkeit, dass man sich nicht nur stringent in einer Bubble bewegt, sondern gezielt auch nach weiteren Perspektiven verlangt?
Exakt das müsste passieren. Ihr Beispiel entspricht übrigens der klassischen Theorie des sogenannten Außenpluralismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde bewusst ein duales Mediensystem aufgebaut. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und als Ergänzung die privaten Medien mit ihren unterschiedlichen politischen Tendenzen, um einem multiperspektivischen Anspruch gerecht zu werden. Wie in Ihrem Beispiel: Die SZ auf der einen und DIE WELT auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Wir müssen heutzutage würdigen, dass komplexe Herausforderungen auf eine multiple Medienlandschaft treffen.
Mehr Wissen, der technologische Fortschritt und eine globale logistische und kommunikative Vernetzung …
Genau. Und dazu kommt noch, dass wir in Zeiten von Paywalls leben. Die Menschen können beziehungsweise werden nicht eine Vielzahl von Abonnements abschließen, um sich gut zu informieren. Deswegen sage ich, dass diese außenpluralistische Theorie überhaupt nicht mehr aufgeht. Mein Gedanke ist keine Kritik an den Zahlschranken, schließlich muss Journalismus finanziert werden. Es ist auch keine Absage an Abo-Modelle. Dieses Prinzip geht heutzutage jedoch nicht mehr auf. Meine Ableitung: den Binnenpluralismus sicherstellen. Ich bin eine große Verfechterin des Binnenpluralismus.
Was meinen Sie konkret mit „Binnenpluralismus“ in den Redaktionen?
Weg von politischen Tendenzen, die man in privaten Medien und womöglich auch in öffentlich-rechtlichen Sendern antrifft. Man verhindert es, indem die Redaktionen personell so aufgestellt sind, dass innerhalb eines Mediums ausreichend viele Perspektiven dargestellt werden. Das wäre für mich konstruktiver Journalismus, um in einer sehr fragmentierten Gesellschaft zu depolarisieren. Denn einen „neutralen“ Journalismus kann es nicht geben. Es ist immer eine Frage der Perspektive, wie Narrative erzählt und geframt werden.
Ein inspirierender Gedanke. Lassen Sie mich die Perspektive wechseln und nachdenken, ob wir als Bürger nicht auch die Pflicht haben, uns Informationen und Journalismus etwas kosten zu lassen? Ist uns womöglich ein leckeres Abendessen in einem Restaurant oder ein neues, nicht unbedingt benötigtes Kleidungsstück wichtiger, als an der Paywall für einen Perspektivenwechsel Geld einzuwerfen? Ich habe den Eindruck, dass für den banalen Konsum mit mehr Leichtigkeit Geld ausgegeben wird als für differenzierte Informationen. Geht ein Appell auch an uns Bürgerinnen und Bürger, dass uns Journalismus wieder Geld wert sein muss?
Ja, ist richtig. Jedoch kommt oft der Einwand, dass man dafür die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten bezahlen würde. Diese seien ja schließlich über festgelegte Gebühren finanziert und dafür müsste man ja dann objektiv informiert werden. Das klingt jedoch mehr nach einer Theorie, denn de facto leben wir in einem dualen Mediensystem. Aber Vorsicht an der Bordsteinkante, da stellen sich weitreichende Fragen: Ist man mental stark genug, andere Perspektiven zu ertragen?
Mit „Behind the News“ haben wir ein Werk vorliegen, das die Medienkompetenz bei uns Menschen fördern möchte. Sie, liebe Mary Abdelaziz-Ditzow, sind damit eine Impulsgeberin für uns als Bürgerinnen und Bürger. Vielleicht hat man es sich da und dort in seiner Bubble gemütlich gemacht oder man sieht sich faktisch mehr als Konsumenten und Produktivitätsfaktoren – und weniger als freie und selbstbestimmte Menschen, die in der Lage sein dürfen, zu einer vernünftigen politischen Willensbildung beizutragen.
Ja, ist richtig. Sie beschreiben ein Wechselspiel. Im Buch spreche ich von einer toxischen Symbiose. Die Erwartungen der Medienkonsumenten spiegeln sich in der Programmausgestaltung des jeweiligen Mediums. Die wirtschaftliche Abhängigkeit und der Konkurrenzdruck führen dazu, dass Redaktionen immer mehr darauf schauen. Das gilt nicht nur für private Medien, sondern auch für öffentlich-rechtliche Sender.
Nicht nur das Geschehen, sondern auch der Blick auf Schlagzeilen, die ein hohes Interesse wecken können, ist entscheidend bei der Auswahl der Themenwahl?
Es ist kein Geheimnis, dass gemessen wird, wie oft beispielsweise ein Artikel aufgerufen wird. Das wirkt sich aus – und entsprechende Inhalte werden dann verstärkt stattfinden. Es schließt sich der Kreis. Wir Medienkonsumenten müssen also reflektieren, welche Nachrichten wir bevorzugt lesen. Nur so nehmen wir indirekt als Rezipienten Einfluss auf die Berichterstattung, also auf diese sogenannte toxische Symbiose.
Richtet sich Ihr Buch mehr an die Journalistinnen und Journalisten oder eher an die Menschen, die Medien konsumieren?
Einerseits an meine Branchenkollegen, eben weil ich diese toxische Symbiose quer durch die privaten und öffentlich-rechtlichen Medien wahrgenommen habe. Und weil immer mehr Haltungsjournalismus stattfindet, sich also in die Berichterstattung immer mehr Meinungen einschleichen. Mein dringender Appell an meine Branchenkollegen: Achtung, wir richten damit Schaden an. Viele Studien sprechen die gleiche Sprache: Ein immer größerer Teil der Bevölkerung wendet sich von etablierten Medien ab. Wir können diese Kritik nicht ständig wegrelativieren oder so tun, als ob das nur rechts- oder linksextreme Menschen wären, die sich abwenden. Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst uns darüber nachdenken, wie wir Bericht erstatten und dabei Vertrauen zurückgewinnen können. Und natürlich stimme ich Ihnen zu, dass der Konsument ein Teil der Geschichte und damit auch Teil des Problems ist. Die Menschen müssen sensibilisiert werden und verstehen, dass sich beispielsweise Sensationssucht in Klickzahlen und Quoten widerspiegelt – und entsprechend reagieren die Medien darauf. Deshalb möchte ich einen Beitrag leisten, um die Medienkompetenz zu steigern und dazu mit gewissen Mythen aufzuräumen.
Und ein solcher Mythos wäre …
… zum Beispiel das Thema Neutralität. Da heißt es, Journalisten müssten neutral berichten. Aber das steht nirgendwo.
Kann die Selbstreflexion im Journalismus womöglich zu einem Stück Demut führen. Oder anders gefragt: Gehört Demut auch in den Journalismus oder sollten Journalisten und Journalistinnen Demut nicht haben, weil es etwas mit Selbstbeschränkung zu tun hat? Ich denke dabei an eine Haltung, die würdigt, dass es in der Regel nicht die einfache Wahrheit gibt und man deshalb den Wechsel von Perspektiven benötigt, damit man sich selbst und mit einem das Publikum sich nicht verrennt?
Vor allem Demut vor der komplexen Wirklichkeit. Wenn wir als Journalisten anerkennen, dass die Wirklichkeit vielschichtig ist und eben nicht schwarz-weiß, dann sind wir in unserem Job automatisch demütig. Das würde uns gut zu Gesicht stehen. Allerdings nehme ich ganz stark wahr, dass der Kampf um die Deutungshoheit im Vordergrund steht. Wir sehen das bei verschiedenen Konfliktlinien. Erinnern wir uns an die Corona-Pandemie. Und es gibt weitere Themen, bei denen es besonders auffällt: Ukrainekrieg, Nahostdebatte, AfD. Sobald der Kampf um die Deutungshoheit im Vordergrund steht, framen wir einseitig. Aus meiner Sicht gibt es dann überhaupt keine Demut vor dieser komplexen Wirklichkeit, sondern wir machen uns als Journalisten mit einer Sache gemein.
Ein alter Mann sagte zu mir als Kind: „Wenn alle sagen ‚Renn dort rüber‘, dann guck zuerst in die andere Richtung, bevor du hinterherrennst.“ Ein kluger Rat.
Ja, das ist ein sehr kluger Spruch. Mein Vater sagt immer: Glaub nur die Hälfte von dem, was du siehst. Das erinnert mich gerade daran. Dieses skeptisch sein, auch wenn andere tief überzeugt von einer Sache sind. Hinterfragen – und in die andere Richtung schauen.
Zur Person
leitete bei n-tv „Wirtschaft und Innovation“ und wurde 2024 für ihren Podcast „Wirtschaft Welt & Weit“ mit dem Friedwart-Bruckhaus-Preis geehrt. Seit April 2025 arbeitet sie als „Chefredakteurin Wirtschaft & News“ bei Finanzfluss und moderiert dort den täglichen News-Podcast „im Loop“. Die Journalistin hat Ende Februar 2026 das Buch „Behind the News“ veröffentlicht. Ein differenziert-kritisches Buch über die deutsche Medienwelt.
