Deutschland steht vor der doppelten Aufgabe, Fachkräfte zu sichern und Migration konstruktiv zu gestalten. Ayşe Özbabacan zeigt, warum wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit, Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt zusammen gedacht werden müssen – und plädiert für eine pragmatische, dialogorientierte Einwanderungspolitik. Özbabacan ist seit 2025 Integrationsbeauftragte der Landeshauptstadt Stuttgart und leitet dort die Integrationspolitik.
Deutschland steht mitten in einer doppelten Herausforderung: Auf der einen Seite wächst der Mangel an Fachkräften in fast allen Branchen, auf der anderen Seite verschärfen sich die Debatten über Migration, bedingt auch durch die internationalen Entwicklungen und die schwächelnde Wirtschaft. Es ist, als ob zwei Linien aufeinandertreffen, die eigentlich in dieselbe Richtung weisen sollten: die Notwendigkeit, Menschen aus aller Welt willkommen zu heißen, und die gesellschaftliche Unsicherheit, wie viel Wandel wir aushalten können und wollen.
Wandel aushalten wollen?
Die Zahlen sind unmissverständlich. Die OECD und inländische Forschungsinstitute wie das IW Köln oder der SVR weisen seit Jahren darauf hin, dass in Deutschland bis 2035 mehrere Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Schon jetzt suchen Pflegeeinrichtungen händeringend nach Personal, Handwerksbetriebe müssen Aufträge absagen, IT-Firmen ringen um Nachwuchs. Migration ist dabei keine abstrakte Größe, sondern längst Realität: Ohne sie würden viele Bereiche des Alltags – vom Krankenhaus bis zur Kita – heute nicht mehr funktionieren. Der Lackmustest war die Pandemie, die aufgezeigt hat, dass Migrantinnen und Migranten in der Pflege, im Gesundheitswesen, in der Logistik und Lebensmittelversorgung während des Lockdowns den Betrieb am Laufen hielten, oftmals unter hohem Risiko und mit wenig öffentlicher Wahrnehmung.
Historisch betrachtet ist dies kein neues Phänomen. Schon in den 1960er-Jahren holte Deutschland sogenannte Gastarbeiter ins Land, um den Wirtschaftsaufschwung abzusichern. Damals wie heute standen wirtschaftliche Notwendigkeiten im Vordergrund. Der entscheidende Unterschied: Während man damals kaum an Integration dachte, wissen wir heute, dass eine gezielte Integrationspolitik Zugehörigkeit und echte Teilhabe ermöglicht. Das bedeutet gleichberechtigter Zugang zu Schule, Bildung, Arbeit, Mitbestimmung und Mitgestaltung, so gelingt Integration nachhaltig zum Nutzen aller, des Einzelnen wie der gesamten Gesellschaft. Menschen, die neu zu uns kommen, wollen in diesem neuen Land, der neuen Stadt eine Zukunft aufbauen, sie bringen ihre Familien mit und sie gestalten das Gemeinwesen mit. Deutschland ist längst ein Einwanderungsland – ob wir es so benennen oder nicht.
Strukturelle Hürden
Und doch ist der Alltag komplizierter. Als Integrationsbeauftragte einer internationalen Stadt wie Stuttgart erlebe ich beides: den starken Willen und die Bereitschaft von Menschen, hier Fuß zu fassen, und die strukturellen Hürden, die den Integrationsprozess verzögern. Da sind Unternehmen, die dringend Personal suchen – und gleichzeitig lange Verfahren, in denen Abschlüsse überprüft, Visa verlängert oder Aufenthaltsgenehmigungen erteilt werden. Da sind motivierte junge Menschen, die schnell arbeiten wollen, und eine Verwaltung, die sich durch Aktenberge kämpft. Ich sehe Kolleginnen und Kollegen, die mit großem Engagement arbeiten, aber auch am Limit sind, weil Verfahren komplex, Gesetze teilweise widersprüchlich sind, da ihre Umsetzung vor Ort häufig schwierig und oftmals nicht ausreichend praxisnah ausgestaltet ist. Es ist zu einfach, die Verwaltung als Bremse zu sehen – sie ist selbst Teil eines Systems, das dringend modernisiert werden muss.
Im globalen Vergleich zeigt sich, wie viel auf dem Spiel steht. Länder wie Kanada oder Australien haben längst Punktesysteme etabliert, die gezielt Talente anziehen. Auch innerhalb Europas konkurrieren wir um die klugen Köpfe von morgen. Die Schweiz setzt auf selektive Einwanderung, Österreich ringt mit ähnlichen Fragen wie Deutschland, während Skandinavien frühzeitig auf Integration in Schulen und Gemeinden setzt. Deutschland dagegen wirkt oft schwerfällig, obwohl es durch seine wirtschaftliche Stärke eigentlich ein Magnet sein könnte.
Integration als Pflicht
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob wir Migration brauchen, sondern wie wir sie gestalten. Wer ist in der Verantwortung, den Rahmen zu setzen? Sicherlich der Staat, der Verfahren vereinfachen und Perspektiven schaffen muss. Aber genauso die Wirtschaft, die nicht nur kurzfristig Lücken füllen darf, sondern Menschen langfristig binden und fördern muss. Und auch die Gesellschaft selbst, ob biodeutsch oder migrantisch: Nachbarschaften, Schulen, Vereine, die Räume für Begegnungen ermöglichen und Vielfalt nicht nur aushalten, sondern als wichtige Ressource für die gesellschaftliche Entwicklung begreifen.
In Stuttgart zeigt sich dieses Spannungsfeld wie unter einem Brennglas. Die Stadt ist längst international geprägt – fast jede zweite Person hat eine Lebensgeschichte, die nicht in Deutschland begann. Diese kulturelle und soziale Vielfalt bringt neue Ideen, Impulse und andere Perspektiven, aber auch Fragen nach Zusammenhalt, nach Sprache, nach gemeinsamen Regeln. Wir können sie nur beantworten, wenn wir uns nicht zurückziehen, sondern offen aufeinander zugehen und den Dialog suchen.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Kern der Debatte: Migration ist mehr als eine Reduktion auf Flucht, es ist mehr als ein Mittel gegen den Fachkräftemangel. Sie ist eine Einladung, uns wieder daran zu erinnern, dass Migration Normalität in unserem Land und unseren Städten ist. Eine Erinnerung daran, dass wir ein Einwanderungsland sind, dessen Identität von Vielfalt, Vertrauen und Offenheit lebt. Seit den 2000er-Jahren hat das Land gezielt investiert, Strukturen geschaffen und Erfolge erzielt, um Integration zu ermöglichen und Teilhabe zu fördern. Diese Entwicklung zeigt: Vielfalt ist nicht nur Realität, sondern zeigt Mut und Stärke, auf die Deutschland bauen kann.
Wenn Deutschland auch in Zukunft konkurrenzfähig sein will, reicht es nicht, über Zahlen und Quoten zu sprechen. Wir müssen fragen, wie wir gemeinsam eine Kultur der Zugehörigkeit entwickeln. Wollen wir Vielfalt verwalten oder gemeinsam gestalten?
Vielfalt: verwalten oder leben?
Die Zukunft liegt nicht allein in politischen Programmen oder wirtschaftlichen Strategien. Sie liegt in der Haltung, mit der wir einander begegnen. Jeder, der in Stuttgart lebt, ist Stuttgarterin oder Stuttgarter unabhängig von Herkunft und Nationalität – das ist das Motto des Stuttgarter Bündnisses für Integration, des städtischen Integrationskonzepts, das als Querschnittsaufgabe der Verwaltung verstanden und in den letzten 25 Jahren stetig weiterentwickelt wurde. Stuttgart kann Integration und ist ein Ort, an dem sich zeigt, dass Zusammenhalt und internationale Offenheit keine Gegensätze sind, sondern die Grundlage für eine Gesellschaft, die ihre Chancen erkennt und anpackt. Wer hier lebt, soll spüren: Ich gehöre dazu. Das ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, wenn wir als Stadt und Gesellschaft eine gemeinsame Richtung wollen und auch eine Idee, wie diese Stadt in 10–20 Jahren aussehen soll.
Zur Person
Ayşe Özbabacan ist seit April 2025 Integrationsbeauftragte der Landeshauptstadt Stuttgart und leitet die Abteilung Integrationspolitik. Sie studierte Rechtswissenschaften und Europastudien und ist seit 2006 bei der Stadt Stuttgart in der Abteilung Integrationspolitik tätig. Bis 2012 koordinierte sie ein Netzwerk von 30 europäischen Städten zur lokalen Integrationspolitik und war Bosch Fellow am German Marshall Fund in den USA.


