Durch ihr Buch Medizin zwischen Moral und Moneten – Wie eine Hausärztin das Gesundheitssystem erlebt und was sich ändern muss (Springer Verlag, 2023) ist Dr. med. Laura Dalhaus bundesweit bekannt geworden. In den sozialen Medien ist die Hausärztin aktiv und gibt auf unmissverständliche Weise prazisnahe Einblicke in das deutsche Gesundheitswesen.
„Mit Menschen reden“ ist eine gute und zutreffende Berufsbeschreibung des Hausarztes. Zuhören, Befunde erheben, Einordnen, Menschen in medizinischen und allen möglichen anderen Fragen auf ihrem Lebensweg begleiten, das ist hausärztliche Tätigkeit. „Gehen Sie damit mal zum Hausarzt.“ Diese Aufforderung formulieren längst nicht nur organspezifische Fachärzte oder medizinisches Krankenhauspersonal. Die Hausarztpraxis ist Zentrum aller Sozialgesetzbücher und Vermittler zwischen sämtlichen Behörden des Landes und seiner Bürger in allen sozialmedizinischen Fragen.
Die richtige Medizin für den richtigen Patienten zur richtigen Zeit finden, dies ist ureigentliche ärztliche Kunst und gerät immer mehr in den Hintergrund, in Vergessenheit, ins Abseits. Denn ärztliche Kunst berücksichtigt, dass Menschen nicht vollständig skalierbar und standardisierbar sind. Automatisierung, Digitalisierung und Optimierung verlangen jedoch Standardisierung, sodass Patient:innen und Ärzt:innen sich zunehmend nicht mehr wiederfinden in der ökonomisierten und bürokratisierten Medizin. Ein Beispiel: Ein Befundbericht für die Deutsche Rentenversicherung verlangte bis vor wenigen Jahren eine ausformulierte Defizit- und Leistungsbeschreibung eines Patienten, heute gibt es nur noch vorformulierte Felder zum Ankreuzen. Dies optimiert natürlich auf beiden Seiten den Bearbeitungsprozess, wird den meisten Patient:innen jedoch in keiner Weise gerecht.
Die moderne Medizin hat entgegen aller möglichen Leitbilder großer Gesundheitsunternehmen längst den Menschen als Mittelpunkt aus den Augen verloren und das kollabierende Gesundheitssystem kennt aktuell nur Verlierer. Vielleicht ist jetzt genau die richtige Zeit, Menschen, die mitten im Zentrum dieses Gesundheitssystems arbeiten, zu Wort kommen zu lassen: Unsere Gesellschaft wird immer älter und wird mit Krankheiten immer älter, während der medizinische Fortschritt Behandlungs- und Therapiekosten in ungeahnte Höhen schraubt. Im November 2024 hebt eine gesetzliche Krankenkasse ihren Beitragssatz auf 18,5% an. Fachleute warnen seit Langem: Die Kosten werden ohne nachhaltige und echte Reformen weiter explodieren. Alle Beteiligten wissen um die Notwendigkeit einer umfassenden Gesundheitsreform und der Streit über den richtigen Weg ist in vollem Gange.
Diskussionen zu diesem Thema fallen naturgemäß schwer, stellt sich doch die simple Frage: Wie viel Gesundheit kann sich eine Solidargemeinschaft leisten? Wie viel darf ein Menschenleben kosten? Angesichts explodierender Kosten in allen Bereichen des Gesundheitssystems mit der Entwicklung immer neuerer und kostenintensiverer Therapieverfahren muss diese Frage aber unbedingt gestellt und gesellschaftlich diskutiert werden, wenn wir eine verlässliche medizinische Versorgung für alle in diesem Land auch in Zukunft sicherstellen wollen.
Grundsätzlich ist das ein schwieriges Thema, dem die Gesellschaft gerne ausweicht. Auf der einen Seite sträubt sich nachvollziehbarerweise jeder dagegen, dem Leben einen Geldwert gegenüberzustellen. Dies erscheint im höchsten Maße unethisch. Auf der anderen Seite ist es geboten, die begrenzten finanziellen Mittel der Solidargemeinschaft verantwortungsbewusst und wirtschaftlich einzusetzen. Auch dazu sind wir als Ärztinnen und Ärzte und notwendigerweise auch jeder Patient als Beitragszahler und Teil der Solidargemeinschaft verpflichtet. Unzweifelhaft bedarf jeder Fall einer höchst individuellen Beurteilung und genauen Prüfung. Und hier schließt sich ein wenig der Kreis: Für eine „individuelle Beurteilung und Prüfung“ braucht es eine gute Informationsbasis, Sachkenntnis, Sorgfalt und Zeit, die individuellen Bedürfnisse und Voraussetzungen von Patient:innen zu erfassen. Genau diese Zeit steht leider im aktuellen System nicht mehr zur Verfügung, sodass eine Medizin alltäglich geworden ist, die in erster Linie einer juristischen Absicherung dient. Für Patient:innen ist dies längst zur traurigen Realität geworden: Auch wenn die geschilderten Beschwerden keine Besserung erfahren haben, ist eine klassische Formulierung nach einem Arztbesuch: „Ausschluss von...“ Damit ist zwar dem Patienten in keiner Weise geholfen, die ärztliche Behandlung gilt jedoch als abgeschlossen. Die moderne Medizin ist zu einer Dienstleistungsmedizin mit der Bestätigung oder dem Ausschluss von definierten Diagnoseschlüsseln geworden. Ist es wirklich die Medizin, die wir uns wünschen?
Gerade an den Grenzen menschlichen Lebens stellen sich doch die wirklich existenziellen Fragen: Wie wollen wir leben? Wie wollen wir sterben? Wie viel Zeit bleibt mir mit meinen Lieben? Und wie kann ich diese Zeit am sinnvollsten füllen? Die letzten Jahre eines Menschenlebens sind nachweisbar auch die teuersten. Obwohl oder vielleicht gerade weil existenzielle Fragen am Ende eines Lebens immer individuell beantwortet werden müssen, haben wir als Gesellschaft genau die Pflicht, diese Fragen angesichts begrenzter finanzieller Ressourcen zu stellen. Und hier verweigert die Politik seit Jahrzehnten eine offene und ehrliche Debatte. Obwohl Minister Lauterbach eine Gesundheitsreform nach der nächsten durch die Gesetzgebung bringen will, verweigert auch er den offenen Diskurs und verspricht eine umfassende verfügbare 24/7-Medizin, die es de facto aber längst nicht mehr gibt. Die Verfügbarkeit und der Zugang zu medizinischer Versorgung gehören wie die Schule, der Supermarkt, Polizei und Feuerwehr zu den gesellschaftspolitischen Säulen dieses Landes und Menschen machen die Erfahrung, dass diese Säulen zusammenbrechen. Vielleicht erklärt auch dieser Umstand den Aufstieg der AfD, während es so scheint, dass die Verwaltung von Inhalten wichtiger ist als der Inhalt selbst.
Gesundheitsversorgung muss wieder den Menschen und nicht die Bürokratie in den Mittelpunkt stellen. Gleichzeitig müssen Möglichkeiten, Grenzen und Rahmenbedingungen einer solidarisch finanzierten Medizin transparent gemacht werden.
Konzepte, die diesem Anspruch gerecht werden, liegen längst in Schubladen. Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Und solange Politik in Vier-Jahres-Zyklen denkt, bleibt Health Care Professionals und Patient:innen nur die Hoffnung auf die Zukunft.
Der Mensch hofft, weil ihm bewusst ist, dass es eine Zukunft gibt. Das kann eine ungewisse und bedrohliche Zukunft sein, aber auch eine Zukunft, die Erfüllung verspricht. Im Alltag liegt beides oft eng beieinander. Die junge Mutter, die während der Schwangerschaft die Diagnose Brustkrebs erhalten hat, hofft; die Familie, deren Vater mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt, hofft. Hoffnung ist Vertrauen. Vertrauen auf die Fähigkeiten anderer Menschen und vielleicht auch Vertrauen in einen Gott. Vertrauen trägt, es motiviert und fordert auf – zum Miteinander. Aus einem solchen Urvertrauen lässt sich dann auch handeln und aktiv werden, eine Vision entwickeln, verändern und bewahren, lassen sich Konflikte lösen, lässt sich schließlich sogar trösten. Das ist meine Hoffnung.
Zur Person
Dr. Laura Dalhaus Die promovierte Ärztin arbeitete unter anderem in der Chirurgie eines Krankenhauses, als Notärztin und ist jetzt in einer Hausarztpraxis in Borken tätig. In den sozialen Medien kommuniziert sie aktuelle Missstände im Gesundheitswesen und veranschaulicht diese anhand ihrer Erfahrungen im Praxisalltag.


