Was trennt Europa und Asien wirklich – und was verbindet? Uwe Leuschner hinterfragt westliche Gewissheiten, östliche Realitäten und sucht Wege zu neuer Kooperation. Ein klarsichtiger Erfahrungsbericht zwischen Kapitalismus, Kultur und Kommunikation.
Globale Kooperation bleibt immer eine Suche nach Identität aus verschiedenen Richtungen
Wir sind geprägt von unserer Sozialisierung und von unserem Erleben in der europäischen westlichen Zivilisation. Wir handeln nach den Regeln und Prinzipien, die uns durch den täglichen Kapitalismus in Europa und im Westen beigebracht wurden, die wir gelernt haben und die wir täglich erleben.
Wir verdrängen dabei gerne den Begriff und die Regeln des Kapitalismus, wollen sozial sein und sehnen uns nach Gerechtigkeit und Ausgleich. Und trotzdem sind wir davon überzeugt, dass wir in einer besseren Welt leben und unsere Demokratie das bessere System gegenüber Diktaturen, vor allem denen in Russland und in China, darstellt. Aus der Geschichte des Dritten Reiches und durch die Erlebnisse und Erfahrungen aus dem Kalten Krieg haben wir ohnehin eine klare Meinung, dass Diktaturen zu bekämpfen sind. Wir übernehmen jeden oberflächlichen und oftmals kulturell wenig wertvollen Trend aus der westlichen und insbesondere der amerikanischen Welt und scheinen damit zu meinen, unser Freiheitsgefühl besser ausleben zu können. Wir stellen selten infrage, wer und welche Gruppierungen von Eliten des Westens hinter Trends und Meinungen, die unser Leben bestimmen, wirklich stehen.
Unser westliches Vertrauen ist nicht grenzenlos, aber von einer unendlichen Toleranz geprägt. Unser Vertrauen zu fremden Zivilisationen ist sehr begrenzt. Wir trauen oft weder den Führern noch den Menschen östlich der europäischen Außengrenzen. Der Hintergrund dafür liegt vor allem in einer sehr polarisierten Medienwelt und oftmals zu wenig ausgeprägten persönlichen Erlebnissen und eigenen Quellen aus Netzwerken, die Menschen der westlichen und östlichen Hemisphäre miteinander verbinden. Und wir merken dabei nur selten, wie ein wichtiger Wert unserer westlichen Zivilisation, Meinungsfreiheit und Pluralismus, immer mehr in seiner Bedeutung eingeschränkt und zurückgedrängt wird. Aber Marketing der eigenen Lebensweise ist in unserer heutigen Welt kein modernes Politikkonzept mehr! Das gilt sowohl für den Westen als auch für die Politikkonzepte in Asien, in Russland und auch in China.
In unserer komplexen Welt suchen vor allen Dingen junge Menschen nach ihren Lebensperspektiven. Sie suchen in einem permanenten Vergleich von Lebensverhältnissen und Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu erweitern und einzusetzen. Dies findet unter anderem sowohl in Europa als auch in Asien statt.
In vielen persönlichen Begegnungen, geschäftlichen sowie privaten Beziehungen während meiner beruflichen Tätigkeiten im postsowjetischen Raum und in China habe ich wiederholt Menschen getroffen, die nicht nur bereit, sondern inspiriert waren, sich einem persönlichen Wettbewerb und dem Leistungsprinzip zur Verbesserung der eigenen individuellen Lebens- und Arbeitsperspektiven zu stellen. Sie haben anfangs oft mit europäischen Werten sympathisiert und sich teilweise sogar identifiziert, jedoch mehr und mehr, insbesondere nach 2014, wieder in ihrem eigenen Raum, der auch immer stark propagandistisch beeinflusst war, zurückgezogen.
Und auch wenn in unserer heutigen realen Welt Wettbewerb und Leistungsprinzip nicht immer im Vordergrund des gesellschaftlichen Diskurses stehen, liegt gerade darin eine grundlegende Erkenntnis, wie, womit und wohin sich der Einzelne entwickeln kann und soll. Es ist auch kein Geheimnis, dass vor allem Bildung und Bildungschancen die wichtigsten Voraussetzungen für ein aktives Mitwirken und die persönliche Entwicklung in unserer heutigen gesellschaftlichen Realität sind.
Es gibt heute keine regionale Trennung mehr von Ursprung und Aktion oder Reaktion aus Informationen unseres Umfeldes. Unsere komplexe kommunikative Welt bringt uns Erkenntnisse hervor, die, egal wo man sich befindet, zu individuellem Handeln führen. Dies ist sowohl in Europa, mit Blick auf Informationen aus Asien, als auch umgekehrt in Asien, als Reaktion auf Erkenntnisse und Informationen aus Europa so und bestimmt Gruppenhandeln genauso wie das Handeln von Individuen. In diesem Sinne beginnt Wettbewerb schon aus dem Zugang zu Informationen und Nachrichten und ihrer individuellen Bewertung, egal wo man sich befindet.
Aber natürlich gehört schon mehr dazu als nur die Information, um seinen Lebensmittelpunkt zu verändern. Arbeits- und Einkommensangebote, Partnerschaft und Familie, Bildung, Nachweise und Möglichkeiten, eigene Kultur- und Freundeskreise, religiöse Fragen und gelebte Werte sind entscheidende Kriterien für eine Motivation, sein örtliches Lebens- und Arbeitsumfeld zu verändern.
Und es steht außer Frage, dass Menschen- und Freiheitsrechte, die von Willkür, Krieg, Repression, Verfolgung und Ungerechtigkeiten diktiert sind, oftmals zu einer erzwungenen Flucht und Migration führen, die es generell weltweit zu schützen und zu gewährleisten gilt.
Aber wenn die Lebensverhältnisse und Lebensperspektiven ein entscheidendes Kriterium für Menschen sind, die sich vergleichen und generell nach neuen Möglichkeiten suchen, dann ist dies auch immer ein Vergleich zwischen den Systemen, in denen die Menschen sozialisiert sind, aktuell leben und arbeiten, ein Vergleich zwischen dem System von Bürgerrechten und Demokratie in Europa und verbreiteten zentralistischen und autokratischen Herrschaftsstrukturen in Asien, so auch in Russland und China.
In beiden Systemen wird von den herrschenden administrativen und politischen Strukturen gegenüber der Bevölkerung ein permanentes Wohlstandsversprechen abgegeben. Oftmals wird dabei aber auch eine nüchterne Wahrheit verschwiegen – oder nicht wirklich wahrgenommen: Wir leben im System des Kapitalismus, und sozialutopische Modelle des Sozialismus sind nirgendwo wirkliche Realität.
Im Westen ist dieses Versprechen allerdings darüber hinaus gekoppelt mit einem Demokratieversprechen, einem Versprechen von bürgerlichen Freiheiten und Sicherheiten, ohne dabei weitere gesellschaftliche Visionen, die jenseits von Wahlperioden der jeweiligen Regierungen liegen, klar zu formulieren.
Das Wohlstandsversprechen in Asien – und China ist dafür ein prägnantes Beispiel – ist gekoppelt an eine gruppendynamische Entwicklung des Landes und seiner Menschen im Einzelnen und in der Gemeinschaft, für ein besseres Leben mit einer Vision über Jahrzehnte.
Wenn dieses Wohlstandsversprechen und das Versprechen auf Sicherheit der Gesellschaft als Ganzes nicht mehr den Realitäten entsprechen, geraten beide Systeme unter Druck und infrage.
Im Westen gibt es darüber hinaus die Gefahr und das Risiko, wenn die Bevölkerung verspürt, dass das Demokratieverständnis und das Demokratieversprechen in Gefahr geraten und sich daraus politisches Handeln nicht mehr in der Mitte der Gesellschaft widerspiegelt.
Demokratie ist eine Errungenschaft, die von jeder Generation neu gelernt und gelebt werden muss. Demokratie besitzt eine hervorragende Fähigkeit, friedensstiftend zu sein, aber in der Demokratie gehört es auch dazu, dass die Bevölkerung permanent über Richtung, Ziele und Visionen der Entwicklung befragt werden muss – und das im Abstand von nur wenigen Monaten oder Jahren regelmäßig und auf allen Ebenen. Hier haben wir im Westen Mängel, die es zu überwinden oder weiterzuentwickeln gilt. Mehr Mitsprache über Bürgerentscheide und ein durchdringenderes System der Meinungsbildung von unten nach oben, jenseits von parteipolitischen und parteiorganisatorischen Vorgaben und medialer Meinungsmache, könnten hier neue demokratische Kräfte entfachen und Konflikte lösen, aber auch neue Visionen für unsere westlichen Lebenswelten eröffnen. Wir dürfen im Westen nicht verkennen, dass unsere wertegestützte Politik aktuell an Attraktivität und Ausstrahlung auf Menschen im Osten oder in Asien verloren hat und unsere Visionen für viele Menschen dort nicht mehr klar sichtbar sind.
Viele meiner persönlichen Freunde und beruflichen Partner fragen mich immer öfter, wofür Europa steht und was mit Deutschland los ist. Sie können die ihnen zugänglichen Nachrichten über unser Leben in Europa nicht mehr einordnen, und ihr früheres Interesse, hier für sich selbst und das eigene Business neue Impulse und innovative Ideen zu finden, nimmt spürbar ab.
Auch der Blick von außen auf die Europäische Union, insbesondere aus asiatischen Perspektiven, verändert sich.
Als Wirtschafts- und Währungsunion war die EU aus asiatischer Sicht immer ein anzustrebendes Modell. Ebenfalls wurden die Bedingungen einer Visa-Union auch bei den Asiaten immer geschätzt. Weniger Akzeptanz fanden und finden in Asien die politischen Bestrebungen, die EU zu einer Werte- und Regulierungsunion zu gestalten. Dass die EU aber auch eine Transferunion darstellt, die wenig durch ein niedriges Zinsniveau des Euro untersetzt ist, fand in Asien kaum Interesse. Zur Nachahmung für die Vertreter der Wirtschaft in Asien war das in Europa mehr und mehr diskutierte Thema, dass die Europäische Union keine Sicherheitsunion darstellt, nur marginal von Interesse. Ihr Verständnis von Europa in Bezug auf ein Sicherheitsmodell war immer nur mit der Existenz und dem Erleben der Politik der NATO verbunden. Dass dies nunmehr ein wichtiger Gegenstand geworden ist, Europa zu einer Sicherheitsunion weiter zu gestalten, das ein europäisches politisches Interesse ist und zur Existenzsicherung gehört, wird in Asien jedoch mit Aufmerksamkeit verfolgt.
Eigene asiatische Ambitionen, unter Führung von China, in Asien ebenfalls eine Sicherheits- und Werteunion entstehen zu lassen, spielen in der asiatischen Geschäftswelt noch keine entscheidende Rolle. Jedoch finden Bestrebungen zu einer eigenen asiatischen Wirtschaftsunion umso größere Aufmerksamkeit und Unterstützung bei asiatischen Unternehmen.
Asiatische Unternehmer haben vor allen Dingen in ihren Beziehungen zu europäischen Partnern ein gesteigertes Interesse an weniger Protektionismus, weniger Bürokratie und keinerlei Sanktionen oder sanktionsbedingten Einschränkungen in ihren wirtschaftlichen Aktivitäten. Auch ihnen ist mehr und mehr bewusst und spürbar, dass sich in den internationalen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen der Faktor Arbeit und Arbeitskosten zu einem entscheidenden Unterschied entwickelt. Sie nutzen dabei nach wie vor ein niedriges Niveau ihrer Kosten für die Ware Arbeitskraft und den daraus resultierenden Wertvorteil im internationalen Handelsaustausch. Die Kontrollen, denen Unternehmen aus Europa in Bezug auf Lieferkettenüberwachung ausgesetzt sind, sowie starke Gewerkschaften in Europa, aus einer über Jahrhunderte langen Tradition, sind den Asiaten in ihren Wirtschaftsräumen nach wie vor fremd und bieten einen wichtigen Wettbewerbsvorteil gegenüber EU-Playern. Den Wirtschaftssanktionen, die die EU gegen Russland erlassen hat, widersetzen sich oft asiatische Unternehmer, weniger aus politischen Motiven, sondern vielmehr aus den sich daraus ergebenden wirtschaftlichen Chancen, die sie im eigenen Interesse zu nutzen wissen. In ihren autokratischen politischen Systemen gibt es dabei nur wenig Einflussnahme, dies zu unterbinden.
Ich habe bei meinen chinesischen Geschäftspartnern oft wenig Verständnis für die Polemik des Westens gegen die politischen Aktivitäten der Kommunistischen Partei Chinas gehört. Nach ihrer Meinung ist die KP Chinas schon längst keine Partei mehr, die den Prinzipien des Marxismus und den Ideen von Lenin und Mao folge. Enteignungen von Boden und Produktionsmitteln seien vielmehr dem Prinzip der Schaffung von Eigentum des Staates durch Investitionen aus geschaffenem Staatsvermögen und Eigenaufbau und seinem entscheidenden Anteil am Wachstum gewichen. Demgegenüber unterscheide sich die KP Chinas von anderen kommunistischen Parteien, insbesondere der KPdSU zu Sowjetzeiten, entscheidend und sei vielmehr eine auf Zentralismus orientierte Staatspartei mit asiatischen Zügen von Führung und Meinungsbildung in China.
Und es ist ja auch eine Tatsache, dass selbst in Russland die Kommunistische Partei kaum noch eine politische Bedeutung hat. In diesem Sinne ist der frühere Konflikt aus Zeiten des Kalten Krieges, der Westen gegen den Kommunismus, längst keine Realität mehr und spielt sich vielmehr in der Formel westliche Demokratie gegen östlich-asiatische Autokratie wider.
In diesem Wettbewerb stehen jedoch asiatische Unternehmer, und das nicht nur in China und in Russland, mehrheitlich weiter zu ihren bestehenden politischen und gesellschaftlichen Systemen und finden in ihnen genügend Grundlagen für ihr liberales und unternehmerorientiertes Handeln und Verhalten. Sie orientieren sich auf für sie interessante, perspektivische Marktchancen auf dem eigenen Kontinent, haben zielstrebig immer die Innovation ihrer eigenen Produkte im Auge und suchen mit allen ihnen verfügbaren Mitteln nach der Erweiterung ihrer potenziellen Kunden weltweit. Digitalisierte Verkaufssysteme, künstliche Intelligenz und immer wieder neue, innovative und sich verändernde Vertriebs- und Logistikwege beschäftigen ihren unternehmerischen Zeitgeist. Gekoppelt mit einer sich permanent in Asien, und insbesondere in China, qualitativ und quantitativ entwickelnden Infrastruktur verbessern sich permanent ihre Möglichkeiten. Modernste Logistikvoraussetzungen, als Beispiel dient hier nur das sich entwickelnde Highspeed-Schienennetz von inzwischen fast 50.000 km Streckenlänge und hunderte neue Flughäfen und Häfen in China, sind vom Staat geschaffene Wachstumsbooster. Dabei zeigen sie oft eine typische asiatische Verhaltensweise. Ehe sie sich mit anderen gesellschaftspolitischen Systemen engagieren, spielt für sie immer eine große Rolle, nicht das eigene Gesicht und die eigene Identität zu verlieren. Dies spielt subjektiv oft höher, als sich darüber Gedanken zu machen oder sich zu Aktivitäten zu verlockenden und interessanten westlichen Modellen zu widmen.
Der Westen hat auf diese Entwicklungen und das Verhalten von Unternehmen in Asien bis heute nicht wirklich eine Antwort gefunden. Es bleibt also für den Westen alternativlos, Kommunikation und Kooperation auf Augenhöhe wieder als das Mittel in einem friedlichen Wettbewerb und zur Findung von neuen gemeinsamen Identitäten zu beschwören.
Der Hebel dafür bleibt die Wirtschaft. Es wäre töricht, wenn der Westen dabei vergisst, dass er sich hier im Wettbewerb mit den Asiaten befindet und dabei aus eigener Ablenkung oder Überheblichkeit auf eigene Investitionen in Bildung und Infrastruktur, in Sicherheit und Innovationen, vergisst.
Der Westen wird sein Bestehen in diesem Wettbewerb nur garantieren, wenn er mit einer echten Vision seine eigenen Menschen und dann die Menschen in Asien zu überzeugen verstehen wird.
Sich dabei von Asien zu isolieren oder abzuschotten, neue Konflikte zu provozieren oder auszufechten, ist dabei für den kollektiven Westen kein erfolgversprechendes Konzept.
Globales Denken und Handeln und politische Verantwortung im 21. Jahrhundert heißt, dass der kollektive Westen sich seiner Kraft und seiner kulturellen Stärken aus Zivilisation und seiner eigenen Entwicklung wieder bewusst wird und seine „Eurasienkomplexe“ überwindet. Die Asiaten werden dazu bereit sein, und Europa und Asien können dabei beide gestärkt daraus hervorgehen.
Zur Person
Uwe Leuschner geboren 1960, studierte Außenwirtschaft in Prag, arbeitete als Exportkaufmann im DDR-Außenhandel und ab 1996 als Logistiker in Russland, Zentralasien und China für verschiedene Transportunternehmen, davon 12 Jahre für die Deutsche Bahn, vornehmlich im Containerverkehr zwischen Fernost und Europa.


