Blickwinkel · Energie

Ist die deutsche Energietransformation auf dem richtigen Kurs?

von Markus Ahorner

Foto: Matthias Böckel

Die Energiewende in Deutschland ist ein Jahrhundertvorhaben. Ihre Kosten sind nicht genau bekannt, aber sie werden vom Wissenschaftlichen Dienst im Deutschen Bundestag, je nach Studie, auf einen Gesamtwert bis zu 13,3 Billionen Euro geschätzt. Wie hoch der Betrag am Ende auch sein mag, eines ist klar: Er muss von der Gesellschaft aufgebracht werden. Also von der Wirtschaft und den Haushalten – kurz, den Verbrauchern und den Steuerzahlern, wobei sich die beiden häufig überschneiden.

Das Goldene Dreieck der Energie

Die Ziele der Energiewende sind in § 1 des Energiewirtschaftsgesetzes beschrieben. Man kann sich das als ein „Goldenes Dreieck“ aus diesen drei Bestandteilen vorstellen: - Wirtschaftlichkeit (also Bezahlbarkeit) - Versorgungssicherheit - Umweltverträglichkeit Dabei ist die gesellschaftliche Akzeptanz des Vorgehens sicherlich nicht zu vernachlässigen. Denn nur, wenn die Gesellschaft als Ganzes die Energiewende mitträgt, wird sie erfolgreich sein.

Energie muss wirtschaftlich verfügbar sein Diese Akzeptanz ist maßgeblich durch die Wirtschaftlichkeit beeinflusst. Können wir all das bezahlen? „Wir“ sowohl als Gesellschaft als auch als Haushalte, Privatleute und Unternehmen? Denn wenn einer entwickelten Gesellschaft die Energie, der Strom oder die Wärme, zu teuer werden, drohen ihr konkrete Einbußen an Daseinsvorsorge und Wohlstand. Die Auswirkungen können mannigfaltig sein: Haushalte, die ihre Heizung nicht mehr bezahlen können. Transporte, die nicht mehr stattfinden können. Oder ein Abwandern der Industrie (und damit der Verlust von Arbeitsplätzen), wenn die Kosten der Herstellung auf dem weltweiten Markt nicht mehr wettbewerbsfähig sind.

Zum letzten Punkt, der oft befürchteten Deindustrialisierung, ein kurzer Gedankenausflug: Selbstverständlich ist es selten so, dass Unternehmen ihre Produktionsstätten von heute auf morgen abbauen und verlagern. Viel häufiger indes handelt es sich um einen schleichenden Prozess, indem Kapitaleinsatz und Investitionen nicht mehr im eigenen Land stattfinden, sondern auf Standorte und in Länder umgelenkt werden, deren Bedingungen für die Unternehmen wirtschaftlich günstiger sind. In der Folge fehlen diese Gelder den heimischen Fabriken für Innovation, Anpassung und Pflege ihrer Einrichtungen, sodass sie weiter an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Das ist der eigentliche Teufelskreis. (Wer nun meint, der industrielle Abbau sei ja eigentlich ein Vorteil, da mit ihm auch der Verzicht auf klimaschädliche Ausstöße einherginge, muss sich eines Besseren belehren lassen: Die Emissionen sind nicht weg, sondern sie gehen mit der Verlagerung lediglich anderswo hin. Und da – wie wir gleich noch sehen werden – das Klimaproblem ein globales ist, kehrt es trotz des Abbaus der heimischen Industrie auf Umwegen wieder zu uns zurück.)

In anderen Ländern kann es nun durchaus passieren, dass man dort aufgrund anderer energiepolitischer Entscheidungen zu anderen Preisen für Energien kommt. Energie ist bereits heute einer der wichtigsten Standortfaktoren für Nationalökonomien, und sie wird zukünftig noch wichtiger. Denken wir allein an den Betrieb der großen Rechenzentren – Digitalisierung und KI werden sich bevorzugt dort ansiedeln, wo der elektrische Strom günstig ist und dauerhaft und sicher verfügbar.

Wir kennen eine solche „Clusterbildung“ aus früheren industriellen Entwicklungen, wie etwa im 19. Jahrhundert, als die neu errichteten Bahnstationen die Wege der großen Viehtriebe der USA beeinflussten oder die Schwerindustrie sich dort gründete, wo man die zur Stahlherstellung benötigte Kohle fand. Ganze wirtschaftliche Zentren sind auf diese Weise entstanden, die über lange Zeit Bestand hatten.

Die Anforderung der Wirtschaftlichkeit ist ein unverzichtbarer Bestandteil eines Energiekonzepts und in Deutschland sozusagen gesetzlich verbrieft.

Energie muss sicher verfügbar sein Dasselbe gilt für die Versorgungssicherheit. Für die Volkswirtschaft eines hochentwickelten Industrielandes ist Energie gleichzeitig Blutkreislauf und Nervensystem. Maschinen und ihre Steuerungen verlangen nach Elektrizität, Mobilität findet ohne Antriebe und Treibstoffe nicht statt, Computer, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz benötigen Verteilnetze zur Übertragung ihrer Informationen und damit sie im Internet zusammenarbeiten können.

Die Abläufe einer Industriegesellschaft sind hochgradig verzahnt und müssen genau synchronisiert werden. Pendler wissen ein Lied davon zu singen, wenn es morgens in Ballungsgebieten manchmal schon aus kleinsten Anlässen zu Ausfällen ihrer gewohnten Transportkapazitäten kommt. Eine eingeschränkte Regionalverbindung, eine neu hinzugekommene Autobahnbaustelle, und schon droht dem Verkehrssystem ihrer Region ein Kollaps.

Während wir uns an solche Verkehrsprobleme schon lange gewöhnt haben und mit ihnen umgehen können (so lästig sie auch sein können), wäre ein Stromausfall, auch wenn er nur wenige Tage dauern würde, hingegen eine echte Katastrophe: Haushalte blieben kalt, dunkel und ohne Trinkwasser (denn die Pumpe der Heizung im Keller würde ebenso stillstehen wie das örtliche Wasserwerk). Radio und Fernsehen blieben dunkel und auch die Akkus der Mobiltelefone würden bald entleert sein, sodass wir ohne Nachrichten und Informationen wären. Kartenlesegeräte und Geldautomaten wären nicht verfügbar, sodass man in den wenigen Läden, die noch geöffnet hätten, nicht bezahlen könnte.

Selbst, wenn die Ursache des Stromausfalls beseitigt wäre, würde es noch viele Stunden, vielleicht auch Tage, dauern, bis die Stromversorgung wieder liefe, da auch die Kraftwerke Stück für Stück wieder angefahren und ans Netz genommen werden müssten. Kurz: Ein Blackout (also ein ungesteuerter Komplettausfall, der sich über mehrere Stunden oder sogar Tage hinzieht) würde unsere moderne Gesellschaft bis ins Mark lähmen. Abgesehen von den wirtschaftlichen Schäden, die sie anrichten würden. So etwas muss also auf alle Fälle verhindert werden.

Ein Ausfall hat große Auswirkungen

Aber es muss ja nicht gleich ein Blackout sein. Netzbetreiber haben bereits heute schon die Möglichkeit, einem ungeplanten Stromausfall durch den sogenannten „Lastabwurf“ vorzubeugen, indem sie entscheiden, bestimmte Verbraucher vom Netz zu nehmen.

Fachleute nennen solch ein gezieltes Abschalten zur Stabilisierung des Stromnetzes einen „Brownout“. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ein Brownout erfolgt durch den Netzbetreiber – und zwar gezielt und dabei rollierend in den unterschiedlichen Versorgungsbereichen – aber er ist trotzdem keine Kleinigkeit, sondern verursacht ebenfalls gravierende Störungen und Gefahren. Und selbstverständlich hat eine solche Maßnahme dann für die Betroffenen die gleiche Wirkung wie ein ungeplanter Stromausfall: Sie werden dann einfach so lange nicht mehr mit Elektrizität aus dem Netz versorgt, bis das Problem an anderer Stelle behoben ist. Letztlich ist es für den einzelnen Verbraucher auch unerheblich, aus welchem Grund er keine Stromversorgung mehr hat und ob sein lokaler Ausfall durch einen größeren Zusammenbruch passiert, oder um einen solchen zu vermeiden. Er hat dann keine Elektrizitätsversorgung mehr, mit allen Konsequenzen dieses Ereignisses.

Auch kurzfristige oder örtlich beschränkte Stromausfälle haben heute das Potenzial, den Herzschlag unserer Gesellschaft in die Nähe eines Infarkts zu bringen. Viele technische Produktionen lassen sich nicht einfach für kurze Zeit ausschalten. Auch wenn komplizierte Industrieanlagen heute bei Versagen systematisch und vor allem automatisch in einen sicheren Zustand gebracht werden, sind die Folgen nicht trivial: Manche Stoffe härten aus, wenn ihre Kühlung oder Heizung versagt, und schon nach kurzzeitigem Anlagenausfall müssen sie bergmännisch abgebaut werden.

Ein ausgefallener Bahnhof hat das Potenzial, die Verbindungen einer Region über Wochen oder gar Monate hinweg einzuschränken oder lahmzulegen, wie wir am Brand im Stellwerk Mülheim an der Ruhr im Jahr 2015 gesehen haben. Und ein Krankenhaus, dessen Notstromversorgung bei Stromausfall nicht funktioniert, wird dann auch die einfachsten Operationen nicht mehr durchführen können.

Natürlich haben die kritischen Infrastrukturen in Deutschland für solche Fälle vorgesorgt – aber diese Beispiele zeigen, wie stark ein modernes Land von der ständigen und unterbrechungsfreien Versorgung mit Elektrizität abhängt. Das Thema Versorgungssicherheit ist also keinesfalls zu unterschätzen.

Energie muss umweltfreundlich bereitgestellt werden Bleibt zu guter Letzt, aber dadurch alles andere als unwichtig, die Umweltverträglichkeit. Wir alle kennen das Wort „Klimaveränderung“, und jedes Schulkind lernt heute, was das Klimaproblem bedeutet: In etwa 300 Jahren (wenn wir als Spanne den Beginn der Industrialisierung 1750 bis zum Jahr 2050, dem geplanten Ausstieg aus den fossilen Energiequellen, ansetzen) hat der moderne Mensch die Erdatmosphäre stärker verändert als in den dreihunderttausend Jahren seiner Existenz davor. Die Menschheit hat Kohle, Öl und Gas aus dem Erdboden gefördert. Viele dieser Stoffe lagen mehrere hundert Millionen Jahre lang im Boden. Aber es hat nur wenige hundert Jahre gedauert, so viele von ihnen zu verarbeiten, dass eines ihrer Endprodukte nun droht, das Klima der Erde nachhaltig zu verändern. Dieses Endprodukt ist Kohlenstoffdioxid. Oder, wie sprachlich allgemein üblich, Kohlendioxid genannt, mit seiner chemischen Summenformel als CO2 abgekürzt. Es entsteht bei der chemischen Reaktion von Kohlenstoff mit Sauerstoff, also zum Beispiel, wenn organische und speziell fossile Stoffe mit dem Sauerstoff der Luft verbrannt oder an der Luft umgesetzt („oxidiert“) werden. Dabei ist die tatsächliche Ansammlung des Kohlendioxids in der Luft zwar gering, wenn man die Zahl der Moleküle mit den restlichen Stoffen (die häufigsten sind Stickstoff und Sauerstoff) unserer Atmosphäre vergleicht. Aber hier erzeugen auch kleinste Veränderungen einen großen Unterschied.

Treibhausgase regulieren den Wärmehaushalt unserer Erde Unsere Atmosphäre besitzt die Fähigkeit, den Temperaturhaushalt der Erde konstant zu halten. 2 Man sieht das im Vergleich zum Mond, der zu klein ist, um eine Atmosphäre zu haben, und der nachts eisig kalt und tagsüber glühend heiß wird. Die Atmosphäre ist ein wichtiger Faktor für das Leben auf der Erde.

Der kleine Anteil des Kohlendioxids – er beträgt gerade einmal 420 Teilchen auf eine Million – hat nun die Eigenschaft, gemeinsam mit den anderen Treibhausgasen wie Methan und Wasserdampf die Speicherleistung der Atmosphäre zu verändern. Mit steigendem Anteil wird die Erde wärmer. Der Vorgang ist keinesfalls trivial, weil die Schichtdicke und damit die Durchlässigkeit der Atmosphäre mit der Entfernung von der Erde abnimmt und in den verschiedenen atmosphärischen Schichten komplizierte Wechselwirkungen aus Rückstrahlung und Speicherung stattfinden. An der grundsätzlichen Existenz des Treibhauseffekts besteht aber nach dem heutigen Stand der Wissenschaft kein Zweifel mehr.

Diese Veränderung muss die Menschheit in den Griff bekommen, bevor sie so hoch wird, dass unsere Zivilisation und die Natur ernsthaften und irreparablen Schaden nehmen. Die Begrenzung der Treibhausstoffe in der Atmosphäre auf ein erträgliches Maß ist eine Aufgabe für die gesamte Menschheit.

Der anthropogen verursachte Klimawandel ist ein weltweites Problem Am vorigen Satz erkennt man schon, dass die Aufgabe örtlich begrenzt gar nicht lösbar ist. Gase breiten sich in der gesamten Atmosphäre und überall auf der Welt aus, unabhängig vom Ort ihres Entstehens oder ihrer Emission. Was heute in einem Kraftwerk in Deutschland ausgestoßen wird, ist nach einiger Zeit gleichmäßig über die ganze Welt verteilt. Das folgt aus dem Gleichverteilungssatz der Physik. (Übrigens tritt die Klimawirkung eines CO2-Moleküls offenbar circa zehn Jahre nach seiner Emission ein.) Umgekehrt ist ein Anteil dessen, was in einem Kraftwerk in China emittiert wird, irgendwann auch über Deutschland in der Atmosphäre. Die einzige Möglichkeit, den Anstieg von Treibhausgasen auf der Welt zu begrenzen, ist, sie überall auf der Welt zu begrenzen. Das hat unschöne Konsequenzen: Zum Beispiel ist es wenig wirksam, wenn nur bestimmte Länder eine Einsparung erzielen, falls andere sich auf deren Anstrengungen „ausruhen“. Im Gegenteil ist es erforderlich, dass die Menge, die in einem bestimmten Land eingespart wird, nicht anderswo auf der Welt vielleicht zusätzlich wieder ausgestoßen wird.

Das ist kein einfaches Problem, denn wenn ein Land beginnt, zum Beispiel den Verbrauch an Öl und Gas einzuschränken, kann es passieren, dass die beiden Stoffe auf dem Weltmarkt im Preis sinken, sodass der Anreiz für andere Länder sogar wachsen kann, mehr – statt weniger – von diesen fossilen Stoffen einzusetzen. 3 Und das Treibhausproblem vielleicht sogar noch zu vergrößern. Man sieht, mit regionalen Anstrengungen allein wird man eventuell nicht weit kommen, um ein globales Problem zu lösen.

Um abzuschätzen, wie viel Treibhausgase – man berechnet diese Menge als sogenanntes CO2-Äquivalent – sich die ganze Welt „noch leisten“ kann, hat das Intergovernmental Panel of Climate Change IPCC Budgets ermittelt. Diese Budgets sind ein Maß dafür, wie stark – nach heutigem Wissen – die Erde sich in einigen Jahren erwärmen würde, wenn sich bis dahin nicht mehr als eine bestimmte Menge CO2-Äquivalent in der Atmosphäre ansammeln würde. Die Modelle sind komplizierte mathematische Berechnungen, mit denen Forscher seit vielen Jahren versuchen, sowohl den Einfluss der Sonne und des Weltalls als auch der menschlichen Aktivitäten auf das Erdklima abzuschätzen. Im Abkommen von Paris haben sich viele Länder (bis 2018 hatten 118 Staaten das Abkommen ratifiziert) international dazu verpflichtet, ihren Anteil zur Einhaltung der Budgets zu leisten.

Das Abkommen von Paris regelt, wie viel CO2 wir uns noch leisten dürfen

Diese Verpflichtung ist eine der wesentlichen Auslöser für die Energietransformation, und der Grund, warum Deutschland in den kommenden Jahren einen drastischen Rückgang seines CO2-Ausstoßes anstrebt. Geplant ist eine vollständige Treibhausgasneutralität des Landes bis zum Jahr 2045. Das Stromsystem soll bereits bis zum Jahr 2035 „weitgehend“ klimaneutral werden. Damit ist gemeint, dass kein zusätzliches CO2-Molekül mehr ausgestoßen wird, ohne anderswo kompensiert zu werden. Inwieweit das Budget, das der IPCC in seinen Berechnungen ermittelt hat, sinnvoll oder korrekt ist, oder ob das Abkommen von Paris tatsächlich umsetzbar ist, ist eine andere Frage, die hier nicht diskutiert werden soll. Wir gehen einmal davon aus, dass die Vorgaben unumstößlich sind.

Diese Vorgaben sind mit großen Auswirkungen auf die deutsche Energiewirtschaft verbunden. Denn es sind alle Bereiche des täglichen Lebens davon betroffen. Die neben der Energiewirtschaft wichtigsten Bereiche sind die Sektoren Gebäude, Industrie, Landwirtschaft und Verkehr. Dabei muss man diese einzelnen Sektoren eher als Rechenhilfe verstehen. Denn man darf sich diese Sektoren ja nicht wie voneinander abgetrennte Silos vorstellen. Vielmehr sind sie untereinander verbunden. Um zum Beispiel den Verkehr CO2-frei zu machen (also zu „dekarbonisieren“), sollen Fahrzeuge zukünftig weitgehend elektrisch fahren. Dabei muss der elektrische Strom für diese Fahrzeuge irgendwo erzeugt werden, und das passiert im Sektor Energiewirtschaft. Dasselbe gilt für den Gebäudesektor: Wenn die Häuser und Wohnungen zukünftig nicht mehr mit Gas, sondern mit Wärmepumpen beheizt werden sollen, muss auch dieser zusätzliche elektrische Strom irgendwo herkommen.

Das Energiesystem wird zukünftig mehr leisten müssen als heute

Man sieht: Das Thema Versorgung und Versorgungssicherheit ist sehr vernetzt, und damit sehr komplex. Denn es ist ja nicht damit getan, einfach fossil betriebene Kraftwerke vom Netz zu nehmen und abzuschalten. Sondern es muss ein gleichwertiger oder sogar höherwertiger Ersatz geschaffen werden.

Gleichwertig bedeutet ja nicht nur, den Stand von heute umzustellen. Denn die Menge an elektrischem Strom wird zukünftig wahrscheinlich eher zunehmen (zum Beispiel erwarten sich die Netzbetreiber durch die Umstellung auf elektrische Gebäudeheizungen und E-Autos einen Anstieg auf das Doppelte von heute bis 2045). Auch wenn die heutigen Verbraucher einen Teil ihrer Verbräuche einsparen könnten, reicht das vermutlich nicht aus, um den zukünftigen Bedarf zu kompensieren. Wir werden also mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr elektrischen Strom als heute benötigen.

Aber der Strom soll auch zukünftig dort verfügbar sein, wo er gebraucht wird. Das heißt, dass er über Leitungen transportiert werden muss, die wahrscheinlich größer dimensioniert sein werden als bisher, sie werden auch ganz andere Übertragungsleistungen erbringen müssen als bisher, und sie werden an Land und auf See benötigt. Warum ist das so?

Wenn Strom aus Wind gewonnen werden soll, wird das eher in Richtung Küste und im Norden passieren, weil dort die Windstärken höher sind und der Wind verlässlicher auftritt. Genauso scheint die Sonne in Richtung Süden stärker auf die Erde, weil sie zum Äquator hin steiler am Himmel steht. Also wird der Anteil von Strom, der sich aus Sonnenenergie gewinnen lässt, dort größer sein. Es ist aber nicht gesagt, dass der Strom auch immer dort entsteht, wo er verbraucht werden soll. Der elektrische Strom muss also vom Ort des Erzeugers zum Ort des Verbrauchers transportiert werden können, und dies erfordert teilweise ganz neue Stromnetze.

Da viele Komponenten der heutigen Stromnetze ohnehin erneuert werden können, ist das erst einmal nicht unbedingt eine schlechte Nachricht, aber damit ist es nicht getan: Ganze Trassen müssen neu entstehen, und die Anforderungen an die Regelungstechnik sind heute noch gar nicht alle absehbar. Die Anzahl der Erzeuger wird zukünftig viel größer sein als heute, denn es sind viele kleine Stellen im Netz, statt wie bisher wenige große. Die vielen Tausende von kleinen Einspeisepunkten neigen dazu, sich untereinander zu stören, sodass die Netzregelung bereits heute eine Mammutaufgabe ist. Ohne diese Netzregelung wäre aber das Stromnetz nicht stabil. Man sieht: Der Teufel steckt, wie so oft, auch hier im Detail.

Angebot und Nachfrage müssen zueinander passen Wie wir wissen, scheint die Sonne nicht an allen Tagen und schon gar nicht, wenn es dunkel wird. Im Sommer mehr, im Winter weniger. Allerdings neigen Wind und Sonne dazu, sich abzuwechseln. Mit Glück kann man Strom aus Wind dann gewinnen, wenn die Sonne nicht genügend scheint, und umgekehrt. Aber Wind und Wetter bleiben zufällige Erscheinungen, die der Mensch nicht steuern kann. Und so ist die Menge an Strom, die man aus ihnen gewinnen kann, nicht planbar und auch nicht völlig vorhersehbar. In unseren Breiten zum Beispiel haben wir pro Jahr mehrere Wochen, an denen beide, Wind und Sonne, nicht mehr ausreichend vorkommen, um unseren Elektrizitätsbedarf zu decken. Das ist die sogenannte Dunkelflaute.

Niemand weiß, wie viele Tage es genau sein werden, auf welche Tage sich die nächste Dunkelflaute verteilen wird und ob nicht mehrere, ungünstig verteilte Dunkelflauten hintereinander auftreten werden.

Nun könnte man verlangen, dass sich die Verbraucher an den stromarmen Tagen einfach ein bisschen anpassen sollen. Aber nicht alle Verbraucher haben dieselbe Flexibilität. Private Haushalte könnten ihre Waschmaschine vielleicht auch dann anstellen, wenn die Sonne scheint und sie ihre private Solaranlage nutzen können, und an dunklen und windstillen Tagen auf das Waschen ganz verzichten. Wer aber mit dem Elektroauto täglich eine längere Strecke zur Arbeit muss, freut sich, wenn der Pkw am nächsten Morgen auch wirklich aufgeladen vor der Tür steht, und das eben auch an einem dunklen, windstillen Wintertag. (Als mögliche Zwischenspeicher werden ja gerade auch Elektroautos diskutiert – aber da ihre Besitzer nicht gezwungen werden können, den Strom ihrer geladenen Autos genau dann wieder ins Netz zurückzugeben, wenn das Netz es gerade benötigt, sind diese Autos nun einmal nicht das, was Fachleute als „netzdienlich“ bezeichnen).

Noch schwieriger ist es für industrielle Unternehmen: Sie haben diese Möglichkeit oft gar nicht. Wirtschaft und industrielle Produktion beruhen auf Arbeitsteilung, Ressourceneinsatz und Planbarkeit. Eine Fertigungsanlage, die an fünf oder mehr Tagen in der Woche läuft, kann nicht einfach umgestellt werden, wenn sich das Wetter ändert.

Das Angebot muss sich also am besten nach der Nachfrage richten.

Markt oder Staat – was ist das richtige Maß?

Grundsätzlich, und etwas extrem formuliert, gibt es zwei konträre Systeme zum Abgleich von Angebot und Nachfrage: In dem einen Fall überlässt man den Mechanismus dem Spiel der Kräfte auf einem „freien Markt“ und geht davon aus, dass, wo sich eine Nachfrage bildet, automatisch auch ein entsprechendes Angebot entstehen wird. Im anderen Fall versucht man, Angebot und Nachfrage für Güter durch Planung und Lenkung übergeordnet zu organisieren. Diese Methode heißt „Planwirtschaft“, und die Organisation wird von speziellen, häufig staatlichen Stellen übernommen. Der „Dirigismus“ ist eine Art Zwischenstadium, in dem der Staat sich bemüht, über gesetzliche Regelungen einen mehr oder weniger engen Rahmen zu schaffen, in dem Angebot und Nachfrage sich finden. Wenn sich der Staat bei dieser Rahmenbildung auf eher wenige, aber fundamentale Grundsätze beschränkt, nennt man dies häufig „Ordoliberalismus“, der in Deutschland als Soziale Marktwirtschaft bekannt ist.

Nun ist die Energieversorgung eines ganzen Landes kein Gut wie eine Schraube, ein Lebensmittel oder ein Automobil, das man gegebenenfalls schnell austauschen oder einführen kann, wenn es knapp wird. Sondern es ist die Bereitstellung von Energie gleichzeitig ein Produkt bzw. eine Leistung (aus Sicht der Verbraucher) und ein Produktionsfaktor (aus Sicht der Hersteller, die sich an einem Standort ansiedeln und sie zur Produktion anderer Güter benötigen). Dass die Energieversorgung zu den lebenswichtigen Standortfaktoren eines Landes gehört, erkennt man daran, dass die Kraftwerke und Netze in Deutschland als KRITIS, also als kritische Infrastrukturen, eingestuft werden. Sie unterliegen speziellen Anforderungen an Betriebssicherheit und Verfügbarkeit.

Offenbar bewegen wir uns mit diesem Thema an einer Grenzfläche zwischen reiner Marktwirtschaft, wichtiger Infrastruktur und einer zumindest orchestrierenden Rolle des Staates. Verzichtet man also auf die typischen Belohnungsfaktoren und Rahmenbedingungen einer Marktwirtschaft, wie etwa Kapitalrendite und Investitionssicherheit, wird es schwierig, Anreize für private Finanzierungen zu schaffen.

Dasselbe gilt, wenn für die Investoren nicht absehbar ist, wann sie ihr Kapital oder die Verzinsung dafür zurückerhalten, weil vielleicht das von ihnen errichtete Kraftwerk nur dann läuft, wenn andere Energiequellen nicht verfügbar sind. Deswegen ist es aktuell auch so schwierig, Investoren für Back-up-Kraftwerke zu finden, da diese nur dann laufen, wenn Wind und Sonne ausfallen – da man aber vorher nicht wissen kann, wie häufig das passiert und zu welchem Strompreis man dann in den Markt liefern wird, ist das unternehmerische Risiko offenbar sehr groß. Hier spricht man bereits offen von einem „Kapazitätsmarkt“ – einer Situation, in der der Staat Investoren schon dafür belohnt, dass sie eine gewisse Kraftwerksleistung als Kapazität bereitstellen, auch wenn sie gar nicht abgerufen wird. (Wie weit der Begriff „Markt“ hier überhaupt noch passt, soll hier nicht diskutiert werden.)

Für andere Infrastrukturen wie Batteriespeicher oder Netze gilt offenkundig dasselbe, was einer der Gründe dafür sein könnte, dass es derzeit so schleppend auf diesen wichtigen Feldern der Energiewende vorangeht.

Als Ausgleich kann man sich nun vermehrt staatliche Anreize vorstellen, die z. B. durch Förderprogramme oder andere Arten von Subventionen geschehen können. Hier ist die Frage, wie der Staat am geschicktesten vorgeht. Denn er hat ja kein eigenes Geld, sondern verwaltet sozusagen treuhänderisch die Steuergelder und das Vermögen seiner Bürgerinnen und Bürger. Daher haben diese auch ein Recht darauf, dass ihre Ressourcen möglichst optimal eingesetzt werden. „Optimal“ wäre es aber offensichtlich erst dann, wenn die drei Elemente des Goldenen Dreiecks mit möglichst geringstem Einsatz von Mitteln erreicht würden.

Wie steuert man ein nationales Großprojekt?

Schauen wir uns zum Vergleich vielleicht einmal zwei andere Großprojekte aus der jüngeren Geschichte an.

Nehmen wir zum Beispiel das teuerste einzelne Vorhaben des Zweiten Weltkriegs, das Manhattan Project der USA zum Bau der ersten Atombombe. In absoluter Rekordzeit wurde eine Entwicklung, von der anfangs kaum mehr als eine Idee und weniger als ein Konzept existierte, zum Projekterfolg gebracht (zumindest aus naturwissenschaftlicher und technischer Sicht, denn was die Erfindung der Atombombe unter ethischen Aspekten bedeutet, müsste man an anderer Stelle ausführlich diskutieren). Die besten Physiker des Landes wurden zwischen 1942 und 1945 unter äußersten Geheimhaltungsbedingungen an verschiedenen Stellen und Forschungseinrichtungen des Landes zusammengebracht und teilweise, wie etwa in der Wüste von New Mexico, unter militärischen Bedingungen kaserniert. Das Vorhaben wurde von wenigen Köpfen orchestriert, die dadurch zu Berühmtheit gelangten: Robert Oppenheimer als wissenschaftlicher Leiter und General Leslie Groves als militärischer und administrativer Verwalter des Zeitplans und des Budgets. Speziell Groves hatte sich bereits zuvor mit dem Bau des Pentagons, ebenfalls unter extremen Terminbedingungen und erstaunlicherweise unter Einhaltung des Budgets, hervorgetan.

In der Nachkriegszeit gilt sicherlich das Apollo-Mondlandeprogramm der NASA als hervorragendes Beispiel für die erfolgreiche Durchführung eines Großprojekts, das eine gesamte Nation nicht nur motiviert, sondern als Nachwirkung auch auf eine neue Ebene der technischen Kultur gehoben hat. Innerhalb nur eines Jahrzehnts, zwischen 1960 und 1969, brachten die US-Amerikaner die ersten Menschen auf den Mond und wieder zurück.

Wir dürfen heute davon ausgehen, dass die Erfindungen und Entwicklungen aus der Zeit dieses Programms, wie etwa der Einsatz von Mikrochips, Computern und neuen Werkstoffen, die technologische Infrastruktur der USA so mächtig machten, dass in ihrem Kielwasser das Silicon Valley und die Digitalfirmen zur heutigen Größe anwachsen konnten. Großprojekte haben also offenbar das Potenzial, ganze Volkswirtschaften sehr nachhaltig in ihrer wirtschaftlichen Aufstellung zu beeinflussen.

Beiden – wie gesagt: aus der Sicht der Zielvorgaben äußerst erfolgreichen – Programmen waren dieselben Erfolgsfaktoren gemeinsam: eine klare Vision, ein enger Zeitplan, teilweise unbürokratische Umsetzung, aber vor allem: ein systematisches Projektmanagement, organisiert von erstklassigen Projektleitern.

Projekt- und Programmmanagement sind die Schlüssel zum Erfolg

Zu einer erfolgreichen Projektdurchführung gehören klassischerweise drei Dinge: Ein klar definiertes Ziel (also eine einsatzfähige Atombombe vor Ende des Krieges oder eine Landung auf dem Mond mit sicherer Rückkehr der Astronauten), ein ausreichendes Budget und ein möglichst gut ausgearbeiteter Zeitplan, der ständig überwacht, auf Abweichungen und deren Ursachen untersucht und angepasst wird, indem die richtigen Gegenmaßnahmen erkannt und umgesetzt werden. Über allen drei Bestandteilen schwebt die Transparenz. Denn nur, wenn allen Beteiligten klar ist, was von wem bis wann zu erledigen ist und was von jedem Beteiligten erwartet wird, kann ein Projekt überhaupt gesteuert werden. Und diese Erkenntnis ist unabhängig davon, welche der vielen möglichen Steuerungsmethoden man schlussendlich einsetzt. (Wer sich mit dem Thema auskennt, weiß um die vielen verschiedenen klassischen und modernen Methoden zur Programmsteuerung, wie etwa Projektstrukturplan, Meilensteintrendanalyse, Critical Path, Agil, Kanban, Scrum oder hybride Methoden, aber sie detailliert zu differenzieren, würde hier zu weit führen).

Damit nicht genug: Ein kluges Projektmanagement beinhaltet auch immer ein begleitendes Risiko- und Qualitätsmanagement – wie wir heute wissen, ist es bei beiden Großprojekten zu teilweise fürchterlichen Unfällen und Schäden an Leib und Leben gekommen. Und selbst wenn die kurzfristigen, mittelfristigen oder langfristigen Schäden noch überschaubar bleiben, sind die ständige Neueinschätzung von Risiken und die Überwachung der Qualität essenziell, um Verzögerungen und Abweichungen so früh wie möglich begegnen und ihnen gegensteuern zu können.

Als letzter wichtiger Bestandteil kommt das Stakeholder-Management hinzu: Stakeholder sind alle, die – ob gerechtfertigt oder nicht – meinen, einen Anspruch auf Mitsprache und Akzeptanz zu haben. In unseren Beispielen waren unter den wichtigsten Stakeholdern der US-Kongress und – im Fall der Mondlandung – zusätzlich die amerikanische Öffentlichkeit.

Denn den Geldgebern sollte ja klar sein, wofür sie das viele Geld und immer noch mehr Geld ausgeben sollten – es handelte sich schließlich in beiden Fällen um gigantische Mengen an Steuergeldern. Beim Mondprogramm war es beeindruckend, wie hoch die öffentliche Akzeptanz bis zum Juli 1969 war, als die Mondlandung tatsächlich erfolgte und die Astronauten glücklich auf die Erde zurückkehrten. Aber es war auch frappierend, wie schnell die öffentliche Unterstützung zurückging, nachdem das eigentliche Ziel erreicht war: Nach neun Mondflügen, der letzte war 1972, hat es bis zum Zeitpunkt, an dem dieser Text entstanden ist, keine weiteren mehr gegeben. So wichtig ist das Management der Teilhaber.

Wenn das Projekt Energiewende erfolgreich sein soll, muss es besser orchestriert werden Nehmen wir unsere Erkenntnisse, die wir bis hierhin gewonnen haben, und wenden sie auf die deutsche Energiewende an. Es ist dabei leider eine Binsenweisheit, dass Deutschland, einmal das Vorbild der Welt für effektive Organisation, sich in den letzten Jahrzehnten nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, wenn es um die Steuerung von Großprojekten ging, die deutlich kleiner waren als das Jahrhundertprojekt der Energietransformation.

Das Ziel haben wir bereits besprochen: Die drei Eckpunkte des Goldenen Dreiecks der Energiewirtschaft müssen realisiert und ausbalanciert werden. Allerdings besteht über die tatsächliche Ausprägung noch Diskussionsbedarf. Weder ist klar, wie hoch der zukünftige Energiebedarf – und insbesondere der Strombedarf – sein wird, noch weiß man, in welchem Zeitrahmen welche Szenarien eintreten werden. Das liegt daran, dass die vielen Einzelentscheidungen der vielen verschiedenen Verbraucher nicht vorhersehbar sind, weil sie von vielen äußeren Faktoren abhängen: Wie werden sich zum Beispiel Preis und Wiederverkaufswert oder Ladeinfrastruktur von Elektroautos entwickeln? Wie und wann wird die einzelne Immobilie von einem kommunalen Wärmeplan betroffen sein und wann wird eine Straße an die zukünftige Wärmeversorgung angeschlossen? Wann wird Batteriespeichertechnik flächendeckend verfügbar sein? Wie wird sich eine Wasserstoffwirtschaft als Back-upInfrastruktur entwickeln? Und so weiter und so fort.

Über die grundsätzliche Unterstützung mit öffentlichen Geldern besteht sicherlich kein Zweifel: Die Kosten der Energiewende werden, je nach Autor und Methodik, auf 300 bis 700 Milliarden Euro geschätzt. Allerdings herrscht derzeit wenig Transparenz über die tatsächliche Höhe der bisherigen Aufwendungen. Der Deutsche Bundestag selbst gibt (wie im Eingangssatz schon erwähnt) abhängig vom Betrachtungszeitraum und Tiefe der Analyse der betroffenen Sektoren, eine Spanne von 500 Millionen Euro pro Jahr oder 13,3 Billionen Euro bis zum Jahr 2045 an. 1 Ebenso unklar ist der Projektplan: Es gibt bis heute keine Orchestrierung der einzelnen Teilprojekte wie Netzausbau, Speicher oder Ausbau der Back-up-Infrastruktur oder wie der tatsächliche Zubau der zukünftigen Energiequellen, über die verschiedenen Regionen verteilt, wirklich aussehen soll.

Dasselbe gilt für das Risikomanagement: Gerade in den letzten Wochen hat die deutsche Gesellschaft aus aktuellem Anlass in allen möglichen Medien Debatten über die Auswirkungen von Dunkelflauten geführt. Denn offenkundig kann es immer einmal wieder Wetterereignisse geben, die nicht vorhersehbar sind. Und dass eine moderne Industriegesellschaft in ihrem besten Interesse vorbeugende Maßnahmen ergreifen muss, um sich gegen deren Auswirkungen zu wappnen, haben wir ja bereits besprochen.

Risiko wird häufig definiert als das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Gefährdungspotenzial. Im Prinzip kann man damit mindestens vier Szenarien unterscheiden: Ereignisse, die selten vorkommen und wenig Schäden anrichten. Ereignisse, die häufig vorkommen und geringen Schaden anrichten. Ereignisse, die häufig vorkommen und großen Schaden anrichten. Und – das ist in unserem Falle besonders wichtig – Ereignisse, die selten vorkommen, aber dann erheblichen Schaden anrichten. Ein gutes Risikomanagement berücksichtigt eben auch die „Schwarzen Schwäne“, also die Ereignisse, an die man nicht sofort denkt, die aber nachhaltig ein Ergebnis beeinflussen.

Am Schluss, und das ist eigentlich einer der wichtigsten Punkte, müssen wir noch einmal über das Verhältnis von Ziel und Zielerreichung sprechen. Deutschland trägt im eigenen Land zum globalen Ausstoß an klimaschädlichen Gasen zu etwa 2 % bei. Selbst wenn Deutschland im eigenen Land zu 100 % dekarbonisiert, ist dadurch sein Anteil am weltweiten Geschehen nicht höher als 1/50. Deutschland muss sich also nicht nur fragen, wie gut es insgesamt überhaupt dekarbonisieren kann, sondern mit welchem Aufwand es dies erreichen will. Oder wie man erreichen kann, dass eine Dekarbonisierung, die Deutschland in anderen Ländern erreicht, der eigenen Bilanz positiv angerechnet werden kann. Denn das wäre die Basis für ein wirklich effektives Vorgehen: Man könnte dann die schlimmsten Emissionsquellen direkt angehen, gleichgültig wo auf der Welt sie sich befinden.

Die Steuerzahler haben einen Anspruch auf Transparenz und Information Fassen wir zusammen: Die Energiewende ist ein Jahrhundertvorhaben. Sie gehört zu den komplexesten und kompliziertesten Dingen, die sich eine moderne Gesellschaft vornehmen kann. Sie ist alles andere als einfach oder trivial, weder technisch, noch wirtschaftlich, noch organisatorisch. Wenn sie gelingen soll, muss sie orchestriert und transparent gesteuert werden.

Sie ist einerseits eine staatliche Mammutaufgabe, aber sie kann andererseits nur dann durchgeführt werden, wenn alle Stakeholder, also neben dem Staat auch seine Bürger, Unternehmen, Verwaltung und Politik am selben Strang ziehen.

Und sie verlangt Transparenz und eine Messung ihrer Wirksamkeit, denn es handelt sich um das Geld der Steuerzahler.

Zur Person

Markus Ahorner ist Diplom-Ingenieur (TU) und hat Maschinenbau, Verfahrens- und Energietechnik in Braunschweig und Wirtschaftswissenschaften in Hagen studiert. Nach einer Karriere als Fach- und Führungskraft im internationalen Anlagenbau und in der Strategieberatung machte er sich 2001 selbstständig. Sein Unternehmen Ahorner & Innovators entwickelt mathematische und statistische Methoden und Anwendungen für Künstliche Intelligenz und Datenanalysen für internationale Konzerne der Prozessindustrie (Chemie, Energieversorgung und pharmazeutische Forschung und Herstellung). https://ahornerinnovators.com/

Quellen

← Zurück zu allen Blickwinkeln