Blickwinkel · Energie

Dunkelflaute

Wie sich ein Blackout im Geistigen abzeichnet

von Dr. Martin Burckhardt

Dr. Martin Burckhardt analysiert im Februar 2025 in einem pointierten Beitrag die Energiepolitik unserer Zeit und zeigt auf, wie ein Mangel an strategischem Denken zu einer gefährlichen „geistigen Dunkelflaute“ geführt hat. Zwischen politischer Naivität und historischem Vergessen wirft er die Frage auf: Haben wir uns in eine energiepolitische Sackgasse manövriert?

Surprise, Surprise! Wir sind in der Dunkelflaute angekommen – und es gibt keine Zeitung mehr, die an diesem Thema vorüberginge, nicht zuletzt deswegen, weil die Energieministerin Schwedens, Ebba Busch, kundgetan hat, sie sei wütend auf die Deutschen, sei es doch ihre Schuld, dass die schwedischen Energiepreise ungeahnte Höhen erreicht hätten. Ihr norwegischer Amtskollege Terje Aasland sprach von einer „absolut beschissenen Situation“ und kündigte an, dass Norwegen ab 2026 die Leitungen nach Europa kappen wolle. Kurzum: unsere grüne, wertebasierte Außenpolitik, die nicht müde wird, die überstaatliche, europäische Komponente ihres Klima- und Weltrettungsprojekts zu betonen, führt die Nachbarn dazu, sich auf ihre nationalstaatlichen Interessen zu besinnen. Nun ist das Sonderbare an dieser Situation, dass man diesen Zustand nicht im Entferntesten antizipiert zu haben scheint. In diesem Sinne ist die geistige Dunkelflaute, die der materiellen vorausgeht, Geschichte – und zugleich eine Verstörung, die von Anbeginn ein steter Begleiter des ex nihilo-Projekts war.

beherztes ignorieren von Lösungen

Nun gibt es wohl niemanden, dem nicht an einer sauberen Umwelt gelegen wäre und der den anthropogenen Klimawandel nicht durch eine intelligente Energiepolitik würde einhegen wollen. Meine persönliche Verwunderung begann, als mir klar wurde, dass die Entscheidungsträger unserer Tage alle Lösungen, welche ihnen die Geschichte mitgegeben hatte, beherzt ignorierten, ja, dass sie es sich in einem Zustand bequem gemacht hatten, den man nicht anders denn als digitalen Analphabetismus bezeichnen kann. Hält man sich vor Augen, dass das Projekt der Energiewende auf nichts anderes als die Konstruktion eines energetischen Internets hinausläuft, so wäre die Reihenfolge der Energiewende klar gewesen: zuerst ein Smart Grid, parallel dazu eine intensive Erforschung und Entwicklung innovativer Speichertechniken, schließlich eine sukzessive Bestückung mit erneuerbaren Energieträgern.

Vor allem aber hätte man sich klarmachen müssen, dass volatile Energien ein entsprechendes Backup-System voraussetzen. Von daher hätte sich der Ausschluss der Kernenergie eigentlich verboten, ja, hätte man sich vor allem klarmachen müssen, dass energetische Techniken das Triebwerk unserer Gesellschaft darstellen – und dass es alles andere als ein Kinderspiel ist, ein über 120 Jahre gewachsenes Gesellschaftstriebwerk in kürzester Zeit in eine andere Systemarchitektur zu überführen.

Dass Annalena Baerbock der Meinung anhängen mag, dass das Netz der Speicher ist, ja, dass dieses Wunderwerk letztlich von Kobolden angetrieben wird („Rohstoffe, Kobold, wo kommt das eigentlich her?“), mag man ihrer Begeisterung fürs Völkerrecht zuschreiben, dass der Wirtschaftsminister Robert Habeck, bevor er als Demolition Man tätig wurde, dekretieren konnte ...

Fakt ist: Wir haben aktuell ein Gasproblem, kein Stromproblem ... lässt an der Intelligenz der gesamten Regierungsmannschaft zweifeln. Denn dass unser Gesellschaftssystem, ja, unsere ganze Lebensweise von der Verfügbarkeit von Energien abhängt, sollte eigentlich sein, was die Amerikaner einen no-brainer nennen. Der Zusammenhang von Geist und Energie war ein Leitmotiv, dem ich in meinem kulturgeschichtlichen Arbeiten immer wieder begegnet bin: von der metallurgischen Revolution, die zum Alphabet führt, von der Räderwerktechnik des Mittelalters, die den Kapitalismus gebiert – bis hin zur Entdeckung des Vakuums, das nicht bloß Dampfmaschine und Thermodynamik, sondern die digitale Revolution speist.

Zur Person

Dr. Martin Burckhardt geboren 1957, studierte Germanistik, Theaterwissenschaften und Geschichte in Köln. Seit 1985 lebt er als freier Autor und Audiokünstler in Berlin. Neben seiner künstlerischen Arbeit lehrt er an der Hochschule der Künste, der Humboldt-Universität Berlin und an der FU Berlin. Er veröffentlichte unter anderem die Bücher „Metamorphosen von Raum und Zeit“, „Vom Geist der Maschine“, „Die Philosophie der Maschine“. https://martinburckhardt.substack.com/

← Zurück zu allen Blickwinkeln