Blickwinkel · Umwelt

Biodiversität stärken, Wälder retten

Ein Innovationsprojekt zwischen Natur, Mensch und Technologie

von Lars Becker

Foto: TREEO

Benjamin Schwegler ist Chief Representative der Stuttgarter Fairventures Digital GmbH in Indonesien. Fabian Schmidt-Pramov ist Co-Founder der Biometrio.earth GmbH aus Saarbrücken. Beide waren Anfang Januar 2025 in Singapur, um sich mit Experten aus der Forstwirtschaft, Wissenschaft und Finanzbranche über nachhaltige Waldprojekte auszutauschen. Dieser Artikel von Lars Becker gibt einen Einblick in die Komplexität der Wiederaufforstung und die Bedeutung des Faktors Mensch.

Was Fabian Schmidt-Pramov und Benjamin Schwegler eint, ist der Kampf gegen den Klimawandel und den Erhalt gesunder Lebensräume. Es war eine zentrale Frage, die bei ihrem Aufenthalt in Singapur im Raum stand: Wie kann man den Schutz und die Wiederherstellung von Wäldern nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich und sozial nachhaltig gestalten? Die Herausforderung dabei ist nicht nur technischer Natur, sondern liegt oft in der konkreten Umsetzung vor Ort. Wiederaufforstungsprojekte sind mehr als eine Umweltmaßnahme – sie sind komplexe soziale, wirtschaftliche und politische Prozesse, bei denen verschiedene Akteure und Interessen aufeinandertreffen.

Benjamin Schwegler fasst seine bisherigen Erfahrungen in Aufforstungsprojekten in Indonesien so zusammen: „Wir dürfen nicht nur Bäume pflanzen und hoffen, dass sich der Rest von selbst regelt. Jeder Baum ist Teil eines Systems, und das System wird von den Menschen beeinflusst, die mit dem Wald leben. Wir müssen ein Gleichgewicht zwischen Ökologie und den wirtschaftlichen Bedürfnissen der Menschen schaffen.“

Biodiversität als Basis für resiliente Ökosysteme

Die Bedeutung der Biodiversität reicht weit über den Schutz einzelner Arten hinaus.

Sie bildet das Fundament stabiler Ökosysteme, die sich an Umweltveränderungen anpassen können. Artenreiche Wälder sind widerstandsfähiger gegenüber Schädlingen, Krankheiten und Extremwetterereignissen. Zudem sind sie essentiell für die Bestäubung von Pflanzen, die Regulation des Wasserkreislaufs und die Bereitstellung von Rohstoffen für den Menschen. Ohne Biodiversität würden ganze Nahrungsketten zusammenbrechen, was weitreichende Folgen für Landwirtschaft, Wasserversorgung und das globale Klima hätte.

„Die Natur funktioniert wie ein Orchester – jede Art spielt eine Rolle im Gesamtsystem. Fehlt eine Komponente, verändert sich das gesamte Gleichgewicht. Wir müssen sicherstellen, dass wir nicht nur Wälder aufforsten, sondern auch die Artenvielfalt innerhalb dieser Wälder stärken“, sagt Fabian Schmidt-Pramov.

Innovatives Biodiversitätsmonitoring: Das Pilotprojekt von TREEO und biometrio.earth

Im Juni 2024 wurde ein wegweisendes Pilotprojekt von TREEO und biometrio.earth erfolgreich abgeschlossen. Dieses Projekt demonstrierte, wie moderne Technologien und die Einbindung der Lokalbevölkerung die Messung und Kommunikation von Biodiversität revolutionieren können. Innerhalb von 90 Monitoring-Tagen wurden auf den Aufforstungsflächen sieben Säugetierarten und 46 Vogelarten nachgewiesen. Viele dieser Arten sind endemisch und haben einen sehr kleinen Lebensraum, der nur in der Projektregion vorkommt. Es wurden über 30.000 Audioaufnahmen gemacht und knapp 7000 Video- & Fotodateien ausgewertet. Neben einer digitalen Artenliste wurden Multimedia-Inhalte generiert, um die Biodiversität in den Projektflächen besser kommunizierbar zu machen.

TREEO, bekannt für seine präzisen Kohlenstoffmonitoring-Technologien, und biometrio.earth, Experten für daten- und KI-gestützte Biodiversitätsanalysen, kombinierten hier ihre Stärken, um ein umfassendes Bild der ökologischen Auswirkungen der von lokalen Kleinbauern durchgeführten Aufforstungsaktivitäten zu zeichnen.

Durch den Einsatz von Technologien wie Fernerkundung, Bioakustik und Wildtierkameras können detaillierte Daten über die Artenvielfalt gesammelt und diese Informationen transparent kommuniziert werden.

„Unsere Technologien ermöglichen es, den Zustand eines Ökosystems zuverlässig zu messen und die tatsächliche Wirkung von Projekten darzustellen“, betont Fabian Schmidt-Pramov. „Dies schafft nicht nur wichtige Transparenz und bildet wichtige Kapazitäten auf der lokalen Ebene, sondern verbessert auch die Entscheidungsgrundlage in der Durchführung von solchen Projekten.“

Die Rolle von Biodiversität im Klimaschutz

Wälder spielen eine zentrale Rolle im Kohlenstoffkreislauf der Erde. Durch Photosynthese nehmen Bäume CO2 auf und speichern es über Jahrzehnte hinweg. Doch die Fähigkeit eines Waldes, Kohlenstoff zu speichern, hängt stark von seiner Biodiversität ab. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass artenreiche Wälder deutlich effizienter im Kohlenstoffspeicher sind als Monokulturen. Die Diversität an Pflanzen- und Tierarten sorgt für komplexe Wechselwirkungen, die das gesamte Ökosystem stabilisieren und somit langfristig gesünder und widerstandsfähiger machen.

Gleichzeitig schützt Biodiversität vor sogenannten „Kipppunkten“ im Klimasystem. Wenn etwa durch Entwaldung ganze Regionen degradiert werden, können sie ihren Status als CO2-Senken verlieren und selbst zu CO2-Emittenten werden. Ein Beispiel dafür ist der Amazonas-Regenwald, der durch Abholzung an der Schwelle steht, von einer Senke zu einer Quelle von Emissionen zu werden.

Herausforderungen in der Praxis: Geschichten aus dem Feld

TREEO und Biometrio.earth arbeiten seit mehreren Jahren mit lokalen Gemeinschaften unter anderem in Indonesien zusammen. Dabei stoßen sie auf immer neue Herausforderungen. Benjamin Schwegler fasst seine Begegnungen so zusammen.

„Die Menschen begegnen uns oft und fragen sich ‚Warum sollten wir jetzt anfangen, noch größere Mühen auf uns zu nehmen, wenn wir nicht wissen, ob eure Herangehensweise in 20 Jahren noch funktioniert und auch für uns im Jetzt schon einen fühlbaren Erfolg bringt?‘ Diese Frage ist essentiell. Die Menschen brauchen nicht nur eine kurzfristige Lösung, sondern eine Perspektive für Generationen. Der Druck des alltäglichen Überlebenskampfes ist aber sehr groß.“

Praktische Umsetzung: Vom Konzept zur Realität

Die größte Herausforderung in der Praxis ist daher oft nicht die technische Umsetzung, sondern das Zusammenspiel zwischen ökologischen Notwendigkeiten und den wirtschaftlichen Zwängen der lokalen Gemeinschaften. Viele Bauern benötigen kurzfristige finanzielle Unterstützung, bevor sich nachhaltige Forstwirtschaft auszahlt. Die Verknüpfung von Wiederaufforstung mit agroforstwirtschaftlichen Methoden kann hier ein Schlüssel sein: Baumarten, die Früchte oder Nüsse tragen, ermöglichen bereits nach wenigen Jahren erste Einkünfte, während langfristig der CO2-Zertifikate-Handel zusätzliche Einnahmen generieren kann.

„Wir setzen auf Modelle, die nicht nur ökologische Vorteile bringen, sondern auch wirtschaftliche Stabilität für die Menschen schaffen. Ein Wald, der Einkommen generiert, ist ein Wald, der langfristig bestehen bleibt“, erklärt Benjamin Schwegler.

Eine weitere Herausforderung ist die Verfügbarkeit von qualitativ guten Setzlingen und widerstandsfähigen Baumarten. Lokale Baumschulen und Kooperativen spielen hier eine essenzielle Rolle, indem sie Samenbanken aufbauen und Wissen über nachhaltige Anbaumethoden vermitteln. Die aktive Beteiligung der Gemeinden, etwa durch Schulungsprogramme, verbessert die Akzeptanz und fördert langfristige Eigenverantwortung.

Praktische Schritte für eine nachhaltige Zukunft

Die Wiederherstellung von Wäldern und der Schutz der Biodiversität sind langfristige Prozesse, die technologische Innovation, wirtschaftliche Nachhaltigkeit und soziale Akzeptanz erfordern. Die Projekte der beiden Unternehmen zeigen, dass Aufforstung dann am erfolgreichsten ist, wenn sie die Bedürfnisse der Menschen vor Ort einbezieht und wirtschaftliche Anreize schafft.

Fabian Schmidt-Pramov fasst es so zusammen: „Am Ende geht es darum, dass wir lernen, mit der Natur zu arbeiten, nicht gegen sie. Wir brauchen nicht nur mehr Bäume, sondern funktionierende Ökosysteme, die sich über Generationen erhalten können.“ Für Geldgeber bedeutet dies, dass Investitionen in Biodiversität nicht nur eine ethische Notwendigkeit, sondern auch eine wirtschaftlich sinnvolle Strategie darstellen. Indem nachhaltige Landnutzungsmodelle, technologische Innovationen und partizipative Ansätze kombiniert werden, kann die Wiederaufforstung zu einem tragfähigen Modell für die Zukunft werden.

Und am Ende stehen immer die Existenzbedürfnisse der Menschen vor Ort. Ohne die Menschen vor Ort wird kein Modell dauerhaft funktionieren. Dies wird eine Herausforderung bleiben, da die Bedürfnisse der Menschen auf dieser Welt genauso divers sind wie ein gesunder Wald.

Der Weg in eine nachhaltige Zukunft

Wälder spielen eine Schlüsselrolle im globalen Klimaschutz und in der wirtschaftlichen Entwicklung ländlicher Regionen. Damit Wiederaufforstungsprojekte erfolgreich sind, müssen sie über den reinen Umweltschutz hinausgehen und den Menschen vor Ort echte wirtschaftliche Alternativen bieten.

Partnerschaften zwischen lokalen Akteuren, Wissenschaft und Technologieunternehmen können dazu beitragen, nachhaltige Modelle zu entwickeln, die sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Vorteile schaffen.

Biodiversität ist dabei weit mehr als ein Nebeneffekt: Sie ist das Fundament für gesunde, resiliente Ökosysteme und damit für die Zukunft unseres Planeten. Der Schutz der Wälder ist eine gemeinsame Verantwortung – und er erfordert innovative, langfristige und partizipative Lösungen.

Zur Person

Fabian Schmidt-Pramov ist Experte für nachhaltige Waldwirtschaft und Klimaschutz. Er arbeitete in Privatwirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit und ist Mitgründer von biometrio.earth, wo er die Geschäftsentwicklung leitet. www.biometrio.earth Benjamin Schwegler Master-Absolvent der ESB Business School, ist Country Representative für TREEO in Indonesien und Experte für Agroforstwirtschaft. Er entwickelt nachhaltige Projekte, die ökologische und wirtschaftliche Ziele vereinen. https://treeo.one/de/

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