Die Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckenraketen in Deutschland ab 2026 könnte Europa erneut zur Abschussrampe und Zielscheibe eines Atomkriegs machen. Die KI-Experten Scheffran und Bläsius analysieren die technischen, politischen und menschlichen Risiken – eindringlich und brisant.
Mittelstreckenwaffen erhöhen das Atomkriegsrisiko
In einer bilateralen Erklärung gaben die USA und Deutschland am 10. Juli 2024 beim NATO-Gipfel bekannt, ab 2026 in Deutschland landgestützte Mittelstreckenraketen (Long-Range Fires) der USA auf beweglichen Abschussrampen zu stationieren, die Ziele in Russland treffen können. Solche Systeme waren durch den INF-Vertrag von 1987 bis zur Kündigung durch US-Präsident Trump 2019 verboten. Dabei geht es um Tomahawk-Marschflugkörper mit mehr als 2.000 km Reichweite; ballistische Raketen (SM-6) mit einer Reichweite von weniger als tausend km; Hyperschallraketen (Dark Eagle) mit hoher Geschwindigkeit, Präzision und Reichweite (bis 2800 km). Der Einsatz dieser Waffen ist Teil der „Multi-Domain Task Force“ (MDTF) der US-Armee in Wiesbaden. Weltweit sind vier weitere MDTF-Einheiten im Aufbau, auch gegen China. Ihre Bedeutung liegt in der Steigerung bisheriger Fähigkeiten: Reichweiten bis zum Ural, hohe Geschwindigkeit mit kurzer Flugzeit bis Moskau, verdeckte Aufstellung zu Land in besiedeltem Gebiet, geringe Warnzeit und Reaktionsfähigkeit, schwierige Erfassung durch Radar, hohe Zerstörungsfähigkeit von Zielen mit hoher Präzision auch ohne nuklearen Sprengkopf.
Beeinträchtigung der strategischen Stabilität
Mit der Stationierung der Mittelstreckensysteme (insbesondere der Hyperschallwaffen) ab 2026 können strategische Ziele in der Tiefe Russlands mit landgestützten Systemen der USA von Deutschland aus mit hoher Präzision und kurzer Flugzeit bedroht werden. Hierzu gehören neben der Hauptstadt Moskau auch Befehlszentralen, Radaranlagen und Nuklearstreitkräfte. Dies könnte Befürchtungen eines Erstschlags wecken, der einen Gegenschlag so schwächt, dass er durch Abwehrsysteme teilweise abgefangen werden könnte. Die Verwendung konventioneller Sprengköpfe macht ihren Einsatz wahrscheinlicher, schließt aber den Einsatz nuklearer Systeme nicht aus. Die Gefährlichkeit dieser Angriffswaffen unterminiert das strategische Gleichgewicht und die Abschreckung, was Bedrohungswahrnehmungen erhöht, den Druck zum Wettrüsten steigert und Rüstungskontrolle untergräbt.
Abschussrampe und Zielscheibe Deutschland
Die Stationierung ermöglicht den USA, gegen ihre nuklearen Kontrahenten vom Territorium anderer Länder zuschlagen zu können, die dadurch einem hohen Risiko ausgesetzt werden. Mittelstreckenraketen brachten schon in der Kubakrise 1962 und in Europa 1983 die Welt an den Rand eines Atomkrieges. Je gefährlicher diese Waffen der russischen Regierung in der Krise erscheinen, umso eher könnte sie versuchen, diese präventiv auszuschalten oder Deutschland nach deren Einsatz zur Zielscheibe zu machen. So wird Deutschland wie schon im Kalten Krieg mögliche Abschussrampe, Zielscheibe und Schlachtfeld eines Atomkriegs. Die Eskalationsrisiken steigen durch den Ukrainekrieg, in dem der Einsatz von Atomwaffen durch Vladimir Putin immer wieder thematisiert wird und die Ukraine auf den Einsatz langreichweitiger Flugkörper drängt.
Risiko Atomkrieg aus Versehen
Die landgestützten Raketen haben geringere Vorwarnzeiten, was die Furcht vor Überraschungsangriffen und Präemptionszwänge schürt. Dass bei der Gegenseite wenig Zeit für Lagefeststellung und Entscheidungsfindung bleibt, schafft einen anhaltenden Alarmzustand, der Fehlperzeptionen und Kurzschlussreaktionen wahrscheinlicher macht. Eine automatische Reaktion (launch on warning) durch KI-Systeme erhöht das Risiko eines technisch bedingten versehentlichen Krieges. Dieses Risiko besteht insbesondere in Zusammenhang mit Frühwarnsystemen, die einer Erkennung von möglichen Angriffen durch Atomraketen dienen. Solche Systeme basieren auf Sensoren und sehr komplexen Computernetzwerken und hierbei kann es zu Fehlalarmen kommen, wobei ein nuklearer Angriff gemeldet wird, obwohl kein Angriff vorliegt. In Friedenszeiten und Phasen politischer Entspannung sind die Risiken sehr gering, dass die Bewertung einer Alarmmeldung zu einem atomaren Angriff als Gegenreaktion führt. In solchen Situationen werden im Zweifelsfall Fehlalarme angenommen. Die Situation kann sich drastisch ändern, wenn politische Krisensituationen vorliegen, eventuell mit gegenseitigen Drohungen, oder wenn in zeitlichem Zusammenhang mit einem Fehlalarm weitere Ereignisse eintreten, die damit in Verbindung gebracht werden können. In der Vergangenheit gab es einige Situationen, in denen es nur durch großes Glück nicht zu einem Atomkrieg aus Versehen kam.
Unsicherer Kontext
Anzahl und Varianz an Luftobjekten nehmen stetig zu, was die Komplexität der Erkennungsaufgaben bei der Luftraumüberwachung erhöht. Die Weiterentwicklung von Waffensystemen mit höherer Treffsicherheit und immer kürzeren Flugzeiten führt zu kürzeren Entscheidungszeiten, was zunehmend den Einsatz von Techniken der Künstlichen Intelligenz erfordert, um für gewisse Teilaufgaben Entscheidungen automatisch zu treffen, da für menschliche Entscheidungen keine Zeit mehr bleibt.
Die in solchen Situationen für eine Entscheidung verfügbaren Daten sind in der Regel unsicher und unvollständig. Bei der Bewertung von Sensorsignalen spielen vage Werte wie Helligkeit und Größe eine Rolle, Klassifikationen von Objekten und das Bestimmen von Objektmerkmalen sind immer unsicher und gelten nur mit gewissen Wahrscheinlichkeiten. Signale werden nicht immer auftreten, z.B. wegen Störungen durch Systeme der elektronischen Kampfführung oder weil neue lenkbare Raketensysteme einer Erfassung durch Radaranlagen ausweichen können. Die Informationen über mögliche Angriffe sind also unvollständig.
Deshalb können auch KI-Systeme in solchen Situationen nicht zuverlässig entscheiden. In der kurzen verfügbaren Zeit wird es für Menschen kaum möglich sein, die Entscheidungen der Maschine zu überprüfen: denn diese basieren häufig auf Hunderten von gewichteten Merkmalen, aus denen mit einer speziellen Bewertungsformel ein Gesamtergebnis errechnet wird. Das Zustandekommen eines Entscheidungsergebnisses ist daher nicht einfach nachvollziehbar. Dem Personal bleibt nur zu glauben, was die Maschine liefert.
Im Falle einer Alarmmeldungen in einem Frühwarnsystem für nukleare Bedrohungen, muss eine scheinbar angegriffene Nation von einem „worst-case“ Szenario ausgehen, das heißt, dass die Waffensysteme des Angreifers überlegen sind und bestmöglich eingesetzt werden. Dabei muss auch einkalkuliert werden, dass nur ein Teil angreifender Raketen zunächst erkannt werden, also erheblich mehr Nuklearwaffen unterwegs, als sichtbar sind.
Kriseninstabilität
Je stärker die Bedrohung durch einen potenziellen Gegner ist, desto eher muss ein „Launch on Warning“ in Betracht gezogen werden, also der Start der eigenen Raketen, bevor die des Gegners einschlagen und die eigenen Systeme zerstören. Damit führt die nun geplante Stationierung von neuen Raketensystemen in Deutschland zu einer signifikanten Erhöhung des Risikos eines Atomkriegs aus Versehen. Die zunehmende Komplexität und Fehleranfälligkeit der vielen miteinander wechselwirkenden Systeme für Land-, Luft-, See, Weltraum-, Cyber- und Informationseinsätze ist schwer beherrschbar und untergräbt die Krisenstabilität.
Zur Person
Prof. Dr. Karl-Hans Bläsius Studium der Mathematik, Physik und Informatik an der RWTH Aachen und der Promotion zum Dr. rer. nat. am Fachbereich Informatik an der Universität Kaiserslautern folgten Tätigkeiten in der Industrie. Ab 1989 Professur im Fachbereich der Informatik. 2002 gründete er gemeinsam mit Ralf M. Ruthardt die FreeFormation GmbH, welche Software zur Dokumentenklassifikation und Prozessautomatisierung entwickelte (heute SEEBURGER Group). Karl-Hans Bläsius beschäftigt sich nunmehr ehrenamtlich mit den Risiken der KI, insbesondere einem Atomkrieg aus Versehen, sowie Warnungen vor Folgen der Künstlichen Intelligenz (KI). www.blaesius.net Prof. Dr. Jürgen Scheffran ist Professor (em.) für integrative Geographie und Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit der Universität Hamburg. Er arbeitet mit in der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative Verantwortung für Frieden und Zukunftsfähigkeit (Natwiss), der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der Redaktion der Zeitschrift Wissenschaft und Frieden (W&F).


